Salzsurrealismus

Wir haben überlebt, das Auto ist nicht abgesoffen. Die Salzkruste auf dem Salar de Uyuni hat über Nacht gehalten – unser Ford Transit steht mutterseelenallein auf der Salzbank, wir stehen daneben und bewundern den traumhaften Sonnenaufgang. Bewundern tun wir auch die etwa 20 Zentimeter großen, tiefblauen Löcher in der Salzkruste, die so tief sind, dass man keinen Boden sieht. Wäre ungünstig, wenn man solch ein Loch beim Fahren treffen würde. Unsere nächtliche Irrfahrt am gestrigen Abend war wohl doch eine heiße Nummer! So heiß, dass wir uns gegen die direkte Route über den See zum Vulkan Tunupa entscheiden. Stattdessen wählen wir die Touristenroute über die Insel Incahuasi – falls uns unterwegs auf dem See etwas passieren sollte, so kommt wenigstens jemand vorbei, der uns helfen kann.

Nach etwa fünf Kilometern Fahrt erreichen wir ein Hotel, das direkt auf dem Salzsee gebaut ist – und das komplett aus Salz! Hier wimmelt es bereits von Touristen. Mitten im Gewusel treffen wir auf ein deutsches Pärchen und wenig später auf einen Kanadier. Sie alle sind auch mit eigenem Auto auf längerer Reise unterwegs. Man kommt ins Gespräch, trinkt zusammen Kaffee und quatscht sich fest.

Viele Worte später ist es 11 Uhr und wir treten unsere Fahrt in Richtung Insel an – 73 Kilometer über den See. Bereits nach wenigen Metern sind wir komplett allein. Die Spuren der Autos verlieren sich im etwa drei Zentimeter tiefen Wasser. Wir sind wieder auf uns gestellt in dieser unwirklichen Landschaft. Wasser, wohin das Auge reicht. Am Horizont verschmelzen See und Himmel zu einer undefinierbaren, weißen Einheit. Und wir fahren mit dem Auto mittendurch. Völlig verrückt und fast schon unglaublich, würden wir nicht mitten drin stecken. Im GPS sind die Koordinaten der Insel eingespeichert – ohne wären wir hilflos in dieser lebensfeindlichen Landschaft verloren. 40 Kilometer Fahrt braucht es, bis die Insel allmählich am Horizont sichtbar wird. Als wir schließlich ankommen entdecken wir ein kleines Restaurant. Ein Mann kommt uns entgegen und fragt uns ganz verwundert, wie wir denn hier her gekommen seien. Mit dem Auto natürlich! Das Restaurant ist leider geschlossen und hat täglich nur bis 10 Uhr morgens geöffnet. Bis dahin kommt die Touristenkolonne mit den Jeeps vorbei – danach ist hier tote Hose. Nach solch einer Abfuhr müssen wir den Herd wohl selbst anwerfen.

Frisch gestärkt legen wir mit unserem Auto von der Insel ab und schippern in Richtung Vulkan Tunupa. Das sind zwar nur noch 37 Kilometer, aber diese stehen komplett unter Wasser. Die Salzkruste im drei Zentimeter tiefen Wasser besteht aus wunderschönen Würfelkristallen in allen möglichen Formen. Manche von ihnen sehen aus, als wären sie Bestandteil einer Buchstabensuppe. Wir fahren mit dem Auto über Kristalle durch einen See, dessen Ufer mit dem Himmel verschmelzen und jegliche Orientierung ausschalten – hier kassiert Mutter Natur definitiv die vollen 100 Stylepunkte. Man kann sich schier nicht sattsehen an dieser Landschaft.

Etwa ein Kilometer vor der Seeausfahrt scheint die Motorleistung im dritten Gang plötzlich nach zu lassen. Was ist jetzt los? Hat sich zu viel Salz im Motor abgelagert? Zweiter Gang, jetzt geht es wieder – aber etwa 100 Meter vor der Ausfahrt verlässt uns auch der zweite Gang. Wenigstens realisieren wir jetzt, was das Problem ist: die Salzkruste wird zunehmend weicher und unser Auto sinkt ein. Zudem wird das Wasser immer tiefer. Erster Gang, Vollgas, die Stoßstange schiebt schon eine Welle vor sich her – mit dem allerletzten Schwung schaffen wir es gerade noch aus dem See heraus. Puh, das war knapp!

Der Schlüssel für Berg und Mumien

Wir packen den Eiskratzer aus, um die etwa ein Millimeter dicke Salzschicht auf unserem Auto wenigstens von den Fenstern zu entfernen. Und dann ab ins nächste Dorf. Blöderweise läuft der Motor auf der nicht mal fünf Kilometer lange Strecke heiß. Ein Blick unter die Haube identifiziert das Problem umgehend: Auch der Kühlergrill hat eine ordentliche Salzschicht. Praktischerweise gibt es im Ort am Dorfplatz einen öffentlichen Wasserhahn. Einige Liter später ist der Kühler wieder sauber – wir können weiter. Praktischerweise zweigt die Auffahrt zum Vulkan direkt neben dem Wasserhahn ab. Unpraktischerweise ist die Auffahrt aber durch ein Tor versperrt. Ein Schild sagt, man solle sich an die Touristeninfo wenden, wenn man hoch möchte. Praktischerweise befindet sich die Touristeninfo genau auf der anderen Seite des Wasserhahnes. Unpraktischerweise ist diese aber geschlossen. Praktischerweise kommt aber gerade eine Frau vorbei, die wir fragen können, wer denn die Touristeninfo ist. Praktischerweise ruft sie auch gleich den Herrn Touristeninfo an und praktischerweise kommt dieser nach 10 Minuten vorbei. Unpraktischerweise erklärt uns der Herr aber, dass man zum Vulkan nur mit einem Guide hoch fahren darf und den Berg selbst darf man sowieso nur mit Guide besteigen. Wir erklären ihm, dass wir keinen Guide brauchen, da wir selbst Mountainbikeguides sind und Bergführer sowieso. Eine halbe Stunde Diskussion später dürfen wir gegen ein kleines Zwangstrinkgeld von 50 Dollar ohne Guide zum Tourenstartplatz hoch fahren und den Berg auf eigene Faust besteigen. Wir bekommen sogar den Schlüssel für eine Höhle dort oben, in der ein paar Mumien rumliegen und rumsitzen. Wir sollen aber sau gut auf den Schlüssel aufpassen, weil es der Einzige ist, den es gibt. Hm, ob wir ihm den Schlüssel nicht einfach für 50 Dollar verkaufen sollen, wenn wir wieder vom Berg kommen? Die Tür zur Höhle sollen wir morgens vor unserem Tourenstart aufsperren, damit die Touristen und Guides rein können – abends sollen wir wieder absperren.

Der Deal steht – also ab in die Auffahrt. Es braucht nicht viel Strecke, bis klar wird, dass dieser Weg nicht für einen Ford Transit angelegt wurde. Mit zunehmender Höhe nimmt auch die Steilheit zu. Wenn jetzt die Geschwindigkeit unter einen gewissen Punkt fällt, dann reicht das Drehmoment im ersten Gang nicht mehr aus, um das Auto zu bewegen. Ziemlich nah am Vollgas brettern wir durch Gräben und über Steine zwischen Tennisball- und Footballgröße – 50 Höhenmeter unter dem Parkplatz ist es dann einfach zu steil. Wir kommen nicht mehr vorwärts. Etwas frustriert bauen wir neben dem Weg die größten Auffahrkeile des Roadtrips aus Steinen. So stehen wir wenigstens gerade. Was für eine Tag! Da schmeckt das Feierabendbier besonders gut.

Über dem weißen Meer

Goldene Sonnenstrahlen werfen lange Schatten in die faszinierende Landschaft. Wir schultern die Bikes, sperren kurz den Mumien die Höhlentüre auf und marschieren gemächlich in Richtung Gipfel. Heute sind es etwa 1400 Höhenmeter bis auf einen Nebengipfel auf 5321 Meter. Der Hauptgipfel mit 5432 Metern besteht aus fast senkrechtem Fels – da wird ’s wohl keine Bikeline geben.
Die morgendliche Landschaft und der Salzsee im Hintergrund haben etwas beruhigendes – eine tiefe Zufriedenheit und Ruhe setzt ein. Neben uns springen lustige Tiere über Felsen und Büsche. Sie sehen aus wie eine Kreuzung zwischen Kängurus, Ratten und Hasen. Immer wieder fällt unser Blick auf den vielleicht größten Spiegel der Welt – wegen der geringen Wassertiefe bilden sich praktisch keine Wellen auf dem See. Gleichzeitig beobachten wir, ob die vermutete Kolonne aus Touristenjeeps aus Richtung Insel bereits über den See gefahren kommt. Doch niemand ist in Sicht. Komisch.
Die Bikes liegen gut auf dem Buckel, die Kondi passt auch – wir machen schnell Höhe. Der Trail zieht in einen Sattel. Von hier haben wir zum ersten Mal ein Panorama von über 180 Grad auf den See. Ein perfekter Platz für die Mittagspause.

Voller Ehrfurcht fällt unser Blick auf den weiteren Aufstieg: Auf einem Grat schlängelt sich der Trail weiter dem Gipfel entgegen, aber in was für einer Steilheit! Das wird ’ne harte Nummer. Die Pumpe läuft auf Hochtouren – die Füße laufen auf Untertouren. Aber es läuft bei uns, obwohl der Untergrund unter unseren Untertourenfüßen unheimlich unmenschlich ist: Bei fast jedem Schritt rutschen wir einen Halben zurück.
Nach gut 300 Höhenmetern ist die Plagerei auch schon vorbei. Der Grat wird flacher, die Seitenwände aber steiler, die Kante obendrauf schmaler und der Trail anspruchsvoller. Endlich mal krasses Gelände für die Abfahrt! Unser Ziel – der Nebengipfel – ist nun auch endlich in Sicht. Noch etwa 200 Höhenmeter, dann haben wir es geschafft!

Sechs Stunden für 1400 Höhenmeter Gesamtaufstieg, das dürfte in der Höhe gar nicht so schlecht sein. Freudig fallen wir über die Gipfeljause her. Der Ausblick ist bombastisch: Wir können nun den kompletten See bis zum Horizont überblicken. Ein weißes Meer; unvorstellbar, wie solch eine riesige Fläche mit Salz aufgefüllt werden konnte. Mutter Natur findet einfach immer wieder kuriose Wege. Man kann sich kaum satt sehen an diesem Wunderwerk der Natur: ein Dreiviertel des Berges ist umgeben vom Salzsee. Wir halten mal wieder nach der Touristenjeepkolonne Ausschau – nichts zu sehen.

Ein wunderschöner, spitzer Panoramagrat, garniert mit ein paar technischen Stufen im S4-Bereich – besser kann eine Abfahrt kaum beginnen. Fast fällt es schwer, sich auf den Trail zu konzentrieren. Links lockt der Blick in den explodierten Vulkankrater, rechts der größte Salzsee der Welt. Zum Glück klappen nicht alle Technikpassagen auf Anhieb – so haben wir vor dem zweiten Versuch wieder Zeit für die Aussicht.

Es folgt ein flowiger Abschnitt, bevor der Trail in den unteren, steilen Gratbereich kippt. Die Aussicht wechselt von schön auf angsteinflößend. Leicht nach außen hängend, nur 20 Zentimeter breit, bröselig und rechts kaum Platz für den Lenker: Der Trail verläuft über ein schmales Felsband – eine klassische „No-Fall-Zone“. Ein paar Sitzkehren tiefer wartet die nächste Herausforderung. Es geht über ein paar schräge Flesplatten. Vertraue deinen Reifen heißt es da, aber die erste Rollprobe zeigt, dass man hier eher sagen muss: Vertraue dem Fels. Denn die Platten bröseln uns fast unter dem Vorderrad weg – völlig neue Herausforderungen in unserer Bikekarriere. Ergänzt wird dieser Abschnitt mit etwa 200 Höhenmetern Spitzkehrengewedel und schon stehen wir wieder am Sattel. Mit einem Schlag wird der Trail flowig: Wir cruisen durch einen Mix aus Kakteen, Sträuchern und größeren Felsbrocken. Das Gefälle ist sanft, man muss kaum bremsen, kann die Geschwindigkeit schön halten. Aber die Sträucher sind tückisch – fährt man ein paar Zentimeter zu weit am Wegesrand, so bleiben Fuß und Pedal fast in den knüppelharten Büschen hängen.

Die letzten Trailmeter werden richtig technisch: ein paar knackige S4-Stellen aus feinsten Granitplatten sorgen noch einmal für Spannung. Und schon stehen wir mit breitem Grinsen vor der Mumienhöhle. Von drinnen grinsen uns die Mumien an, aber denen schieben wir umgehend einen Riegel vor.

Wir laden die Bikes ins Auto, rufen den Herrn Touristeninfo an und eiern den Feldweg wieder herunter. Mister Touristeninfo wartet auch schon am Tor auf uns und wir übergeben den Schlüssel zur Mumienhöhle – ohne die 50 Dollar zu kassieren. Warum denn keine Touristen über den See gefahren seien, fragen wir ihn. Das Wasser sei zu tief, da fährt niemand drüber. Na super, da hat es sich ja gelohnt, dass wir die sichere Route über den See gefahren sind, um notfalls Hilfe zu bekommen.

Feierabend für heute, wir suchen uns einen schönen Stellplatz am Seeufer, schmeißen den Gaskocher an, schauen den Lamas beim weiden zu und genießen den Sonnenuntergang am See.

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