Ein Tag am Strand

Ein Tag am Strand

Die Küste rauf

Ein tiefblauer Streifen am Horizont – der Pazifik ist in Sicht! Der ein oder andere kennt sicher dieses Gefühl, nach einer langen Fahrt und einer langen Zeit endlich wieder das Meer zu erblicken. Eine tiefe Zufriedenheit und innere Ruhe stellt sich ein, nachdem wir den Stadtstress von Copíapo hinter uns gelassen haben. Da sitzen wir also mit Bier in der Hand am Strand und schauen dem Sonnenuntergang zu.

Der nächste Morgen überrascht mit Wolken. Ja, Wolken – der ganze Himmel ist bedeckt damit. Ein Phänomen, das wir seit gut fünf Wochen nicht mehr gesehen haben. Eine Hochnebelsuppe trübt die Küstenszenerie ein.
Wir fahren am Meer entlang gen Norden. An der dünn besiedelten Küste gibt es nur wenige Ortschaften – wer das Flair von schönen Küstenorten an Mittelmeer, Nord- oder Ostsee gewohnt ist, der wird hier enttäuscht. Die Orte wirken trist – ein definierter Ortskern mit Hafen fehlt meist.
Dafür ist aber die Landschaft an der Küste umso faszinierender: Obwohl direkt an der Küste gelegen, regnet es hier praktisch nie. Wüste, die ins Meer verläuft. Die wenigen Kakteen und Sträucher, die hier gedeihen, leben wohl ausschließlich vom Dunst des Meeres. Abgestorbene Kakteen zeigen, dass das wohl ein hartes Leben ist. Über große Teile besteht die Küste aus Granitgestein, das über halbe Ewigkeiten vom Meer ausgespült wurde. Das Wasser hat äußerst bizarre Formen gezaubert.

Ein Tag am Strand
Ein Tag am Strand
Ein Tag am Strand

Der Panoramatrail überm Meer

Ein Trail über dem Meer – das war einer unserer Wünsche an unseren Roadtrip. So etwas zu finden, ist nicht so einfach. Genau genommen scheint unser Ziel der einzige Trail auf etwa 600 Kilometern Küste zu sein. Wie könnte es aber anders sein: Der Trail liegt in einem Nationalpark in Chile. Aber oh Wunder, biken ist erlaubt! Es gibt sogar eine ausgewiesene Bikerunde. Die führt zwar nicht auf den Berg mit dem Trail, aber sie zweigt davon ab und am Abzweig stehen keine Verbotsschilder.
Der Park ist wie ausgestorben, kein Mensch ist unterwegs. Wir chillen am Meer und hoffen, dass sich gegen Abend die Wolkendecke noch öffnet – für die Abfahrt im Sonnenuntergang überm Meer. Ja, so richtig schön kitschig.
Als wir in den Aufstieg gehen, öffnet sich zumindest ein heller Streifen am Horizont – dabei bleibt es aber auch. Wir gehen in die Abfahrt und cruisen hunderte Meter über dem Meer einen richtig schönen Flowtrail herunter. Hin und wieder garniert mit technischen Sequenzen und Spitzkehren – die größte Herausforderung ist aber, in den Kurven mit viel Schräglage nicht mit dem Innenfuß an einer Kaktee hängen zu bleiben! Ein Bilderbuchtrail, garniert mit dramatischer Stimmung durch die dunklen Wolken und einem Feuerstreifen am Horizont.
Mit fettem Grinsen kommen wir am Auto an, suchen kurz einen schönen Standplatz und kochen lecker Tortelini.

Ein Tag am Strand
Ein Tag am Strand
Ein Tag am Strand
Ein Tag am Strand
Ein Tag am Strand
Ein Tag am Strand

Komplizierte Wissenschaft

Der nächste Morgen erfreut mit strahlendem Sonnenschein. Wir setzen unsere Tour am Meer fort. Kurve um Kurve zeigt sich ein neuer Steilküstenabschnitt, eine schöne Bucht oder ein paar Klippen mit ordentlich Brandung. Hier lässt es sich aushalten. Für uns gibt es noch mal Kaffee am Strand, ehe unsere Route das Meer verlässt.

Ein Tag am Strand
Ein Tag am Strand
Ein Tag am Strand

Auf dem Weg nach Argentinien liegen die ESO Paranal (European South Observatory) Teleskope malerisch auf einem etwa 3000 Meter hohen Berg mitten in der Wüste gelegen. Hier wird Wissenschaft für die Zukunft betrieben. Sicher einen Blick wert, denken wir und machen einen Abstecher dort hin. Der Blick bleibt uns jedoch verwehrt: Bestimmt zwei Kilometer vorm Ziel ist die Straße bereits gesperrt. Besichtigung nur samstags um 14 Uhr möglich. Schwache Sache für die Wissenschaft. Dass nicht jeder überall reinlatschen darf, ist klar. Aber dass alles hermetisch abgeriegelt wird, ist mindestens schade, wenn nicht sogar überflüssig. So bringt man den Leuten die Wissenschaft nicht näher.

Uns bleibt nix, als unsere Fahrt zum wohl entlegensten Grenzübergang zwischen Chile und Argentinien fortzusetzten: Paso Socompa.

Ein Tag am Strand

Ein Tag im Sand

Ein Tag im Sand

Eine 500 Meter hohe Düne

Das Hochgebirge haben wir verlassen und sind den San Francisco Pass komplett abgefahren. Wir machen einen Abstecher nach Copiápo, um unser Proviant aufzustocken und den Bus vollzutanken. Der Plan, in der Stadt zu bleiben, scheitert direkt: Der einzige Campingplatz hat zu. Also raus in die Wüste, zu unserem nächsten Projekt. Die Tanke macht es dem Campingplatz gleich. Ein Zeichen für uns, dass wir hier fertig sind. Wir haben genug Reserven.

Unser endgültiges Ziel, eine etwa 500 Meter hohe Düne, werden wir bei Nacht nicht finden, also suchen wir uns nahe der Koordinaten einen Stellplatz und drücken beide Augen zu. Unsere Düne zeigt sich am nächsten Morgen ein paar Kilometer weiter ins Nichts hinein. Zu weit zum kurbeln. Mit dem Auto durch die Pampa zu riskant: grobes Material, weicher Boden, nicht einsehbare Bachläufe. Wir umfahren das Gelände auf der Suche nach einer geeigneten Autospur. Gute 30 Kilometer später finden wir einen Abzweig, der in die richtige Richtung zu gehen scheint. Die Autospuren teilen sich immer wieder auf und werden immer weniger prägnant und fest. Die Hauptwege scheinen zu Strommasten, Umspannstationen und Solarkraftwerken zu führen – gut, wir sind halt in der Wüste! Anderenfalls wäre diese Gegend wohl kaum erschlossen. Fest steht: Zu unserem Ziel führt kein richtiger Weg. Wir arbeiten uns eine sandige Piste entlang, die wohl hin und wieder von Locals aus Copiápo genutzt wird. Auf den umliegenden Hängen der Hügel sind immer wieder Jeepspuren zu sehen. Wir sind erstaunt, wie gut wir im Sand vorwärtskommen. Sicher ist sicher: Zum Halten suchen wir uns immer wieder Stellen, die härteren Untergrund versprechen. Wir tanken auch nach: Nicht, dass wir in einer kritischen Situation liegen bleiben.

Ein Tag im Sand
Ein Tag im Sand

Um die Mittagszeit kommen wir nah genug an die Ausläufer der Düne, um überhaupt mal zu spüren, wie der Boden ist. Sollte das alles loser, weicher Sand sein, brauchen wir die Bikes gar nicht aufzubauen. Dem ist aber nicht so: Wenn man auf den Rücken der Dünen rumtrampelt, sieht man klare Abdrücke unserer Schuhe und wir brechen nicht ein. Das könnte funktionieren! Also weiter um die Düne herum fahren und eine richtige Ridge suchen. Wir suchen uns zwei Favoriten, von denen wir einen in der Abendsonne angehen möchten. Die komplette Düne abzufahren wird nicht möglich sein, aber an die 300 Höhenmeter sind drin. Jetzt brennt die Sonne noch zu sehr nieder, wir möchten etwas abwarten, bis angenehmere Bedingungen herrschen. Zurück in die Stadt und anstehende Erledigungen abhacken? Vorzelt aufspannen und abhängen? Die Düne weiter umfahren und die Neugierde stillen? Letzteres!

Mit den Schneeketten durch die Wüste

Unsere nahezu abgefahrenen Maxxis Reifen an der Transe arbeiten sich zuverlässig durch den immer weicher werdenden Untergrund und wir sind nun an der östlichen Seite der Düne. Unscheinbar wird der Weg steiler. Das Gelände links und rechts des Weges scheint fester, liegt aber zu hoch. Ohoh! Anhalten keine Alternative, Runterschalten, Vollgas: Wir schaffen noch weitere 200m durch den super weich gewordenen Sand und graben uns vorbildlich mit allen vier Rädern ein. Ganz klar: eine festgefahrene Situation. Wir brauchen garnicht lange zu probieren, uns freizufahren. Wir schnallen die Sandbleche und unsere Truper 2000 Schippe vom Dach. Es werden sehr trockene, harte und müßige vier Stunden in der prallen Wüstensonne werden. Wir arbeiten uns rückwärts immer eine Sandblechlänge aus dem Sand heraus: Hinterräder untergraben, Sandblech drunter, Sand unter das Blech, drüber fahren. Räder untergraben, Sandblech drunter, …Moment! Nach 50 Meter Strecke und einer Stunde „Blechen“: Schneeketten! Die könnten genug Grip in dem losen Sand haben. Wir lassen nichts unversucht und packen die Bleche unter die Vorderräder, während wir die Hinterräder nur noch freischaufeln. Es funktioniert und wir kommen wesentlich schneller vorwärts – genau genommen rückwärts. 200 Meter und zwei Stunden später kommen wir an eine Stelle, an der der Wegrand nur marginal höher liegt, als der Weg. Wenn wir dort rauf kommen, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir durch die Pampa besser vorwärts kommen. So können wir zu der nicht-so-weichen-Straße wieder zurück kommen, wo wir wieder vernünftig fahren können. Weiter geht’s! Wir graben uns den Übergang eben und arbeiten uns mit Schneeketten, Sandblechen und zusätzlichen flachen Felsen bei UV9 in den festen Offroad Bereich. Es klappt! Die Transe steht ohne Bleche auf dem Boden und versinkt nicht! Wir schmeißen all unser Gerümpel und Werkzeug lose in den Bus und machen uns vom Acker – wortwörtlich, zurück zu unseren favorisierten Ridges. Was für eine Nachmittagsbeschäftigung! Allrad wäre in der Situation sicherlich von Nutzen gewesen, und hätte diese vielleicht sogar abgewendet, aber naja. Wir sind hier nicht bei der Rally Dakar.

Ein Tag im Sand

Dune-surfing

Der Kaffee und die Brotzeit tun ihr übriges und wir berappeln uns nach der Schaufelaktion. Wir haben überall Sand! Als das Werkzeug und die Bleche sicher verstaut sind, ist es auch an der Zeit, mit den Bikes auf den großen Sandhaufen vor uns zu laufen. Die Schatten werden länger. Unsere Ridge wirft auch einen und wir stiefeln in ihm bis zum Beginn der Ridge. Völlig fehl am Platz erscheinen die vielen kleinen Büsche, die sich aus dem Sand kämpfen. Der Großteil ist ausgetrocknet und es fliegen nur noch die Samen umher, doch hier und da grünt es uns entgegen. Wir schlagen einen Zickzackweg um die Vegetation ein, bis wir die Kante der Ridge erreichen. Der Wind hat die Sandoberfläche verfestigt und zu einem feinen Wellenmuster geformt. Die Sandkante zwischen der Sandzu- und abgewandten Seite der Ridge bricht messerscharf ab. Die Natur stellt ihr künstlerisches Talent hier mal wieder im vollen Maße unter Beweis!

Ein Tag im Sand
Ein Tag im Sand

Die Sonne steht nun genau richtig. Wir besprechen schnell noch die Line, denn wir haben nur einen Versuch und: Abfahrt! Die Strapazen der uns am Nachmittag auferlegten Aufgabe sind vergessen. Auf den steilen Hängen müssen wir gut Obacht geben, uns nicht einzugraben. Die Falllinie wollen wir nicht nehmen und steuern den Kamm an. Kaum sind wir darauf, beschleunigt das Bike, als ob man in die Halfpipe gedropt sei: Der Untergrund ist vom Wind so verfestigt, dass wir darüber hinweg fegen. Wir drosseln das Tempo durch gegenlenken und wirbeln meterlange Staubfahnen auf. Die Abendsonne gibt den kleinen Sandstürmen unter unseren Reifen einen gelbroten Touch und wir kommen unserem Bus leider viel zu schnell entgegen. Wir grinsen.

Beim restlichen Licht spoten wir die zweite Ridge zu Fuß und entscheiden uns für einen zweiten Versuch am nächsten Morgen. Die Line scheint länger zu sein und es hat gerade eben überraschend viel Spaß gemacht! Hundemüde aber beglückt gibt’s Abendbrot. Die Bikes können aufgebaut bleiben.

Ein Tag im Sand
Ein Tag im Sand
Ein Tag im Sand

Sand zum Frühstück

Wir quälen uns im Dunkeln von den Schlafsäcken in die Bike Klamotten. In der Dämmerung arbeiten wir uns wieder durch teils festen, teils losen Sand unserer zweiten Ridge entgegen. Die Luft ist angenehm frisch, das erleichtert den Aufstieg – wir sind schnell Oben. Die Sonne klettert zeitgleich mit unserer Ankunft über den gegenüberliegenden Berg. Fast der Sonne entgegen wiederholen wir das Procedere vom Vorabend: Schwung im Sand holen, oben aufschwimmen und dann das richtige Tempo halten. Unser zweiter Favorit funktioniert sogar noch besser, als die Ridge vom Vortag. Unten wartet der Kaffee und das Frühstück. Wir surfen den Auslauf ab und nehmen alles Tempo mit, was das Ende der Düne hergibt. Es schanzt uns immer wieder auf kleinen Sandhügeln hoch und schon sind wir fertig mit dem morgendlichen Sportprogram. Guten Morgen!

Ein Tag im Sand
Ein Tag im Sand
Ein Tag im Sand
Ein Tag im Sand
Ein Tag im Sand

Bevor wir aber den Weg in Richtung Meer einschlagen, heißt es nochmal kurz: Nervenkitzel. Beim Weg raus aus der Wüste, haben wir uns für einen optisch besseren und offensichtlich mehr befahrenen Weg entschieden. Dieser endet auf jeden Fall an einer der Strommasten-Straßen, die befestigt ist. Unser Weg der Wahl wir aber immer sandiger und die Drehzahl sinkt – kurzes Déjà-vu zu gestern Mittag. Also direkt ab in die Pampa und Vollgas auf den befestigten Weg. Es klappt, der Untergrund ist aber nicht so fest, wie erwartet. Zusätzlich geht’s leicht bergauf. Hoffentlich ist vor dem Weg kein Wassergraben! Die Schneeketten sind noch drauf und machen gute Arbeit. Mit Lenken ist nicht mehr viel. Wir schießen auf die Straße zu. Kein Graben. Yeah! Wir atmen auf, als wir mit ordentlich Schwung aus dem Acker auf die Straße schießen – diesmal haben wir Glück gehabt.

Wir machen noch einen Boxenstopp in Copiápo, ein Ölwechsel für den Bus ist fällig. Das ist schnell erledigt, noch ein Snack auf die Hand und wir sind pünktlich zum Sonnenuntergang am Pazifik: Füße im Sand, Bier in der Hand – salut!

Ein Tag im Sand
Ein Tag im Sand

Powderalarm

Powderalarm

Der Höchste des Roadtrips

Auf zum Endgegner des Roadtrips, obwohl letzterer noch lange nicht zu Ende ist. Aber der Ojos del Salado ist mit 6893 Metern der höchste geplante Gipfel unseres Abenteuers. Unweit der Laguna Verde führt ein Feldweg rund 25 Kilometer bis auf 5200 Meter zum Basecamp des Ojos del Salado. Basecamp bedeutet in diesem Fall ein kleines Blechrefugio und ein paar Zelte, falls noch andere Bergsteiger zugegen sind.
Unser Plan: Mit dem Auto bis zum Basecamp fahren – unser mobiles Basecamp eben. Mit Zelt und Proviant bis auf etwa 5900 Meter aufsteigen, das Material deponieren und anschließend Abfahren. Ein Ruhetag im Basecamp, tags darauf der Aufstieg mit Schlafsäcken, Isomatten und weiterem Proviant. Camp 1 auf 5900 Metern aufbauen, dort nächtigen. Gegen vier Uhr nachts zum Gipfel aufbrechen, hoffentlich bis zum Gipfel aufsteigen. Schließlich abfahren, Camp 1 abbauen und mit sämtlichem Material ins Basecamp abfahren.

Klingt sportlich, ist es auch – der Erfolg hängt von vielen Unsicherheitsfaktoren ab:

  • Der Ojos del Salado ist ein Grenzberg, wir brauchen einen Permit vom DIFROL
  • Wie ist die Schneelage am Berg? Zu viel Schnee bedeutet, dass wir das falsche Sportgerät haben
  • Wie weit werden wir mit dem Auto kommen? Sollte weit vor dem Basecamp Schluss sein, wird alles schwieriger und langweiliger
  • Der Wetterbericht von vor drei Tagen hat für die ganze Woche 50 bis 70km/h Wind für den Gipfel gemeldet

Powderalarm

Den Permit haben wir nicht. Der DIFROL ist einfach zu lahm, um das Ding innert einer Woche zu versenden. Obwohl da nur draufsteht, wer wann auf welchen Berg steigt. Leider haben wir seit drei Tagen nicht mal ein Telefonnetz geschweige denn eine Internetverbindung – vielleicht wäre der Permit inzwischen da. Sollten wir ihn brauchen, könnten wir auch einfach nach Copiápo fahren und dort die Mails abrufen. Das wären nur rund 550 Kilometer und 4000 Höhenmeter hin und zurück – davor ist nix mit Netz.

Die Schneelage verspricht wenig Gutes, denn alle Berge rings herum sind ab etwa 6000 Meter weiß. Aber der Aufstiegshang am Ojos del Salado ist eher steil und es ist ein Nordhang – könnte also von der kräftigen Sonne frei gebrutzelt sein (Südhalbkugel Nordhang = Nordhalbkugel Südhang).

Und die Zufahrt? Die startet gleich positiv: ein Refugio, das als Kontrollstation für den Permit dient, ist wie ausgestorben. Kein Mensch weit und breit – wir sind in der Offseason. Also erteilen wir uns selbst einen Permit und fahren einfach weiter. Der Feldweg schlängelt sich durch ein riesiges Flussbett – sicher 200 Meter breit und komplett ausgetrocknet. Läuft doch ganz gut. Die erste Hürde tut sich nach rund acht Kilometern auf: Der Weg wird so sandig und weich, dass wir um ein Haar stecken bleiben. Glück gehabt!
Aus dem Flussbett geht’s um einen Hügel und zack, vor uns liegt ein bombastisches 6000er Panorama. Der Ojos del Salado wird zum ersten Mal richtig sichtbar und damit auch die Schneelage: fast komplett weiß, bis auf einen Bergrücken. Mist! Wir fahren trotzdem weiter. Aus der Nähe lässt sich sicher der Verlauf des Aufstieges erkennen. Vielleicht haben wir Glück und dieser verläuft über den Rücken. Die Zufahrt über den Feldweg hat ein paar Herausforderungen wie große Felsblöcke sowie tiefe Löcher und Gräben – aber alles lässt sich geschickt umzirkeln oder schräg durchfahren, so dass nur die Glasabdeckung einer Nebelleuchte dran glauben muss. Doch plötzlich, sechs Kilometer vor dem Basecamp tut sich ein gähnender Abgrund auf: Der Weg wurde durch einen Regenfall oder Schmelzwasser vergangener Zeiten weggespült. Eine weiträumige Umfahrung unten rum hat sich gebildet – diese ist allerdings sehr weich und steil. Wir würden zwar rüber kommen, aber zurück – das ist ungewiss. 50/50 schätzen wir die Chance ein. Falls es nicht klappen würde, wären wir davon abhängig, dass ein Geländewagen mit anderen Bergsteigern vorbei kommt und uns raus ziehen könnte. Für die Sandbleche ist das Gelände zu steil.

Auf 5100 Meter rund 140 Kilometer vom nächsten permanenten Menschenaufenthaltsort (die Grenzkontrolle) entfernt darauf zu hoffen, dass uns notfalls jemand raus zieht – kann man machen, ist uns aber zu heiß. Aus der Nähe ist jetzt auch der Trailverlauf ersichtlich. Die Ski wären fast die bessere Wahl. Powderalarm?

Powderalarm
Powderalarm

Im Zwiespalt

Alle Faktoren sprechen gegen das Projekt. Im Schnee lässt es sich zwar oft ganz gut biken – aber nur, wenn eine feste Spur eingelaufen ist und der Schnee nicht durch Wärme und Sonne aufgeweicht und nass ist. Offseason – da ist eine gute Spur unwahrscheinlich. Nordhang – da knallt die Sonne schön rein und weicht den Schnee auf. Wir sind im Zwiespalt: Einerseits wollen wir das Projekt nicht aufgeben, da es einfach eine irrsinnige Herausforderung wäre, es zu schaffen. Andererseits liegt die Chance, dass wir unter diesen Umständen tatsächlich fast alles vom Gipfel abfahren können, bei bestenfalls 10%.
Die Vernunft siegt – wir streichen das Projekt. Unsere Zeit ist leider begrenzt, die investieren wir lieber in Projekte mit höheren Erfolgschancen. Diese Entscheidung haben wir übrigens schon ein paar Tage zuvor getroffen: Alles, was zu viel Schnee hat, zu unsicher ist und eventuell weglose Abschnitte hat, fliegt aus der Liste. Denn eines zeigt unsere Erfahrung in Südamerika bis jetzt: Vorhandene, funktionierende Trails auf hohen Bergen sind Mangelware!
Es hilft nix. Zum Trost und als Erinnerungsfoto shapen wir kurz einen kleinen „Vor-dem-Ojos-Kicker“. Dann cruisen wir den Feldweg wieder raus – einer der vielleicht beeindruckendsten der Welt.

Powderalarm
Powderalarm
Powderalarm
Powderalarm

280 Kilometer durchs Niemandsland

Schweren Herzens verlassen wir die Bilderbuchlandschaft in Richtung Copiápo. Kurioserweise ist die Straße plötzlich wieder geteert. Sie schlängelt sich zwischen den Gipfeln herab einem duzende Kilometer großen Salzsee entgegen. Saftig grüne Täler winden sich dem ausgetrockneten See entgegen – als hätte jemand einen Eimer Farbe runter geschüttet. Das wenige Wasser aus den Bächen reicht nicht, um den See zu füllen.
Mitten im Niemandsland taucht die chilenische Grenzstation auf. Die Dimensionen sind gewaltig. Offensichtlich hat man hier mit mehr als der optimistisch gezählten etwa 20 Autos am Tag gerechnet. Es wird der unfreundlichste Grenzübergang unseres Trips. Reden ist nicht so das Ding bei den Beamten dieser Grenzstation.

Powderalarm
Powderalarm

Möglicherweise war der Teer alle – jedenfalls folgt jetzt eine schmale, relativ miese Dirtroad. Es geht noch einmal steil hinauf auf einen Pass mit über 4500 Metern Höhe. So langsam wird uns klar, warum es über den San Francisco Pass so wenig Verkehr gibt. Abgesehen davon, dass man gute 500 Kilometer durchs Niemandsland fährt, ist die Rückseite des Passes noch radikaler: die Straße schlängelt sich durch einen Canyon, ist teils weggebrochen und immer wieder nur einspurig. Große LKWs haben hier kaum eine Chance. Je näher wir Copiápo kommen, desto breiter wird das Tal; bis es zum mehrere 100 Meter breiten, ausgetrockneten Fluss wird. Die Dirtroad führt schnurstracks gerade hindurch. Kurios, eine Straße in ein scheinbar gelegentlich wasserführendes Flussbett zu bauen. Unsere Vermutung bestätigt sich auch rasch: Immer wieder gibt es Abschnitte, an denen Teile der Böschung einem größeren Regenfall zum Opfer gefallen sind. Baustellen, an denen die Dirtroad komplett neu gemacht wird, häufen sich. Dennoch kommen wir gut vorwärts und nähern uns gegen Abend der Stadt Copiápo. Endlich gibt es Internet und siehe da: unser Permit vom DIFROL ist per Mail angekommen! Allerdings für einen Franzosen und drei US-Amerikaner. Mails sortieren ist wohl nicht so das Ding vom DIFROL.

Powderalarm

A mind-blowing day

A mind-blowing day

Nachts ist’s kälter als draußen

Es ist noch dunkel und unsere dicksten Schlafsäcke hängen an den Autotüren. Wir haben fast unsere wärmste Kleidung an und warten, bis der Kaffee kocht. Es ist kurz vor sechs Uhr morgens. Händewaschen tut weh, das Wasser ist eiskalt.

Heute soll’s auf einen benachbarten Berg vom Ojos del Salado gehen: südlich der Laguna Verde, nördlich vom Ojos, kein Name in keiner Karte, aber gute 5900m hoch. Das Ziel des Tages ist, sich zu akklimatisieren. Wir starten direkt von unserem Basecamp an der Laguna Verde, die auf 4300m liegt. Sollten wir es bis zum Gipfel schaffen, haben wir nicht nur eine gute Aussicht auf den höchsten Vulkan Südamerikas und unser nächstes Projekt, sondern auch noch ordentlich was gerissen.

In der Morgendämmerung laufen wir gemächlich los und merken direkt die Höhe, also erstmal das richtige Tempo suchen. Der Weg ist klar ausgetreten, es lässt sich gut laufen. Die Bikes zu schieben wir schnell ineffizient und wir schultern sie. Gegen neun Uhr ist die Sonne komplett aufgegangen, aber wärmer wird es nicht. Vor uns: ein karger Berg mit wenig grün. Hinter uns: eine Landschaft, nicht von dieser Welt! Die Lagune lässt sich nun komplett überblicken, gesäumt von weißen Berggipfeln in einer Wüstenlandschaft. Es ist schwer, sich daran satt zu sehen und mit jedem zusätzlichen Höhenmeter wird der Blick nach unten beeindruckender.

A mind-blowing day
A mind-blowing day

Wir hatten uns eigentlich gefreut, dass der Wind nicht so Kachelt, wie am Vorabend, doch so langsam wird dieser immer präsenter. Die Sonne scheint das Tal doch aufzuheizen. Unpassender Weise verläuft der Trail entweder seitlich zum oder gegen den Wind. Das Bike wirkt wie ein Segel: Wird es einem nicht von den Schultern geweht, so wird man selbst samt Bike zurückgeweht. Dabei sind wir noch nicht mal auf 5000m angekommen. Mittags kommen noch Böen hinzu – Zeit für die Sturmhauben, die Kapuzen sind nicht genug. Es ist schwer, sich auf den Beinen zu halten. Wir sind zwar auf der windabgewandten Seite unterhalb des Grats, haben aber immer noch zu kämpfen. Wir spüren ihn nicht nur, wir hören ihn, wie er über den Grat bläst und uns immer wieder vom Weg abdrängt. Die Wettervorhersage kündigte etwas zwischen 35 und 40 km/h an. Derzeit wird es eher das Doppelte sein.

Wir erhaschen einen Blick auf unseren Zielgipfel: noch fast 700 Höhenmeter – über den Grat. Wir machen Rast. Auf die Rucksäcke legen wir große Felsbrocken, sonst nimmt sie der Wind. Ich habe keinen Hunger, mir ist kodderig. Flo klagt über einen dicken Schädel. Höhenkrankheit? Nicht unwahrscheinlich auf 5200. Zu schnell aufgestiegen können wir nicht sein, es war jedoch wesentlich anstrengender, als es hätte sein müssen. Wir entscheiden uns in die Abfahrt zu gehen, die wird noch anspruchsvoll genug.

A mind-blowing day

In den Wind lenken, gegen den Wind treten

Es war klar, dass wir nicht einfach runterrollen werden können. Doch in welchem Maß uns der Wind daran hindert, ist „mind-blowing“. Hat man das Gleichgewicht beim Rollen bekommen, ist die nächste Kurve, selbst ohne Spitzkehre oder Stufe, eine Herausforderung. Lässt der Wind kurz nach, kommt man vom Trail ab. Ohne es bewusst zu registrieren, lenkt man gegen den Wind in den Hang. Wahnsinn! Beim Versetzen dasselbe Spiel: Gegen den Wind, braucht es richtig Schwung, mit dem Wind wird das Heck um die Ecke geweht – aber auch nur, wenn der Wind konstant anhält. Weil man permanent gegenlenkt, müssen wir bei flacheren Sequenzen treten.

Wir arbeiten uns bergab in ein Blockfeld. Die Räder präzise auf die Steine zu setzen: unmöglich. Es ist ein Glücksspiel, ob die S2 Passage sitzt, oder nicht. Der Wind wird nicht schwächer. Eigentlich befinden wir uns nun auf einem Flow Trail, der uns an der Lagune ausspucken sollte. Die windzugewandte Seite benennt die letzten Tiefenmeter um: „Blow Trail“. Wir werden seitlich den Hang hinauf geblasen. Gegenlenken genügt nicht mehr. Bis zum letzten Meter ist Konzentration und Reaktion gefragt, um mit dem Wind fahren zu können. Wir sind froh, sobald wir an unserem Bus ankommen: So einen starken, stetigen Wind habe ich noch nicht erlebt.

A mind-blowing day
A mind-blowing day

Vom Winde verweht lassen wir den Abend an der Lagune ausklingen. Der Wind zaubert ihr immer wieder schöne Schaumkronen hinein. Wenn man jetzt einen Windsurfer dabei hätte… und ob es am östlichen Ufer einen Windswell gibt? Soll uns jetzt egal sein. Völlig platt stecken wir unsere Beine in eine der Thermalquellen und lehnen uns an die windschützenden Steinwände. Reicht für heute.

A mind-blowing day
A mind-blowing day

Übrigens: Für unseren Trip haben die überkorrekten Jungs und Mädels von PYUA uns mit ihrer ecorrect outerwear ausgestattet. Wir hatten zwar noch keinen Schnee, aber vor den restlichen Bedingungen haben uns die Klamotten bei 70 km/h Wind und Temperaturen gut unter null sicher verpackt. Ganz schön guter Stoff, muss man sagen: Muchas gracias!

A mind-blowing day
A mind-blowing day

Von der Wüste ins Hochgebirge

Von der Wüste ins Hochgebirge

Formen und Strukturen in weiß

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages fallen flach über den Berg und tauchen die weißen Dünen um uns herum in stimmungsvolles Licht. Ein Wechselspiel aus Licht und Schatten, Rundungen und scharfen Kanten, Leben und Tod – mitten in der Sandwüste. Kaum zu glauben, dass sich selbst hier das Leben tummelt, aber erst bei genauem Hinsehen. Am frühen Morgen umgibt uns Vogelgezwitscher aus allen Ecken. In einem Busch entdecken wir sogar ein Nest – gebaut aus Dornenzweigen, aber in Höhlenform, sozusagen mit Dach. Falls es mal regnet vielleicht. Kleine Eidechsen huschen über die Dünen und vereinzelt sprießen Blümchen. Daneben vertrocknete Büsche, zu lange ohne Regen oder von den Dünen in Zeitlupe überrollt. Die Windrichtung ist hier eindeutig und treibt die Dünen über die Jahre langsam durch die Landschaft. Auch vor der Dirtroad machen sie nicht Halt – hier und da gibt es Engpässe.

Für uns gibt es ein gemütliches Frühstück in dieser überwältigenden Szenerie. Bike auspacken lohnt sich hier nicht, dafür sind die Dünen leider zu klein.

Von der Wüste ins Hochgebirge
Von der Wüste ins Hochgebirge
Von der Wüste ins Hochgebirge
Von der Wüste ins Hochgebirge
Von der Wüste ins Hochgebirge
Von der Wüste ins Hochgebirge

Hochgebirge und Einsatz für die Feuerwehr

Ab in die Berge! Auf dem Reiseplan steht der Passo San Francisco, 4726 Meter hoch. Hier warten ein paar richtig hohe Bergprojekte auf uns. In der Kleinstadt Fiambalá decken wir uns mit Lebensmitteln und Sprit ein. Gute 200 Kilometer sind es von hier bis zum Pass – dazwischen nur eine Zollstation und, wie wir später feststellen werden, eine „Tankstelle“, bei der der Tankwart den Sprit aus einem Fass durch einen dünnen Schlauch mit dem Mund ansaugt und in Zehnliterkannen in den Tank füllt!

Die Straße führt durch scheinbar alle erdenklichen Arten von Gesteinsschichten und Formationen – teils so rot, dass unser Feuerwehrauto in Tarnfarbe unterwegs ist. Je höher wir kommen, desto offener wird die Landschaft. Die Straße verläuft wie ein gerader Strich durch sanfte Hochtäler aller erdenklichen Rot- und Brauntöne. Trotz Wüste existiert hier knalliges, gelbgrünes Gras als Kontrast zum Gestein. Gelegentlich zeigt sich ein kleiner Bach, an dessen Ufern ein schmaler Streifen aus üppigem Grün gedeiht. Heerschaaren von Vicuñas fressen sich hier satt.

Von der Wüste ins Hochgebirge
Von der Wüste ins Hochgebirge
Von der Wüste ins Hochgebirge
Von der Wüste ins Hochgebirge
Von der Wüste ins Hochgebirge

Die Grenze: Der wachhabende Polizist muss erst in die Wohncontainer, die Zöllner aus dem Nachmittags-Nickerchen wecken. Dann geht alles schnell – unser schnellster Grenzübertritt von Argentinien nach Chile. Kurz tanken an besagter Tankstelle und ab geht es in die letzten Serpentinen zum Pass hoch. Ganze vier Autos sind uns auf diesen 200 Kilometern entgegen gekommen. Das Letzte ist ein deutscher Camper, der uns in einer Serpentine passiert. Man hält kurz an, er schätzt die Lage richtig ein und meint: „Beeilt euch, da oben am Pass brennt’s!“ Er wird ansatzweise Recht behalten.

Vom Pass aus führt ein Feldweg in die Hänge zum Nevado San Francisco, ein potenzielles Bikeprojekt mit 6016 Metern Höhe. Leider verspricht die Schneelage nix Gutes: Etwa 200 Höhenmeter unter dem Gipfel wird das Gelände sehr flach – ab dort ist die Schneedecke komplett geschlossen. Wir entschließen uns, einen Versuch mit dem Auto am Feldweg zu starten. Wie weit wird dieser für uns befahrbar sein?

Etwa 100 Höhenmeter, dann wird das Gestein zu grob. Akute Aufsetzgefahr für unseren Ford Transit. Gerade, als wir umkehren, entdecken wir einen grünen Geländewagen, der uns vom Pass aus folgt. Plötzlich bleibt er stehen, fünf Männer steigen aus und schauen unter’s Auto. Wir fahren runter und werden gleich angehalten: es ist die Polizei und der Zoll. Passkontrolle, dann die Frage, ob wir sie abschleppen können! Die Kardanwelle (Antrieb für die Hinterräder) bei ihrem in die Jahre gekommenen Defender ist gebrochen und bleibt an der Karosserie hängen. Klar können wir sie abschleppen, aber wir haben auch das passende Werkzeug: zwei 15er Schraubenschlüssel. Die Jungs sind sehr dankbar und wir dürfen sogar ein Foto machen: Die Trailhunter Feuerwehr rettet den Argentinischen Zoll auf 4800 Metern Höhe. Kurios könnte man sagen! Nach etwa 15 Minuten ist das defekte Teil demontiert und der Zoll kann mit Zweirad- anstatt Allradantrieb weiter fahren.

Von der Wüste ins Hochgebirge

Wir schlagen den Weg zum Refugio Laguna Verde ein – gelegen an dem wunderschönen Salzsee Laguna Verde etwa 25 Kilometer hinter dem Pass. Der Wind kachelt hier richtig durch und lässt kleine Schaumkronen über den See tanzen. Dahinter leuchten Vulkane mit weißen Hauben im letzten Abendlicht. Eine traumhafte Szenerie, aber wild und rau.

Das Refugio liegt auf 4300 Meter und ist eigentlich nur ein Schuppen aus Blech und Holz, der kurz vor dem Verfall steht. Drumherum gibt es ein paar Möglichkeiten, Zelte aufzustellen – diese sind auch genutzt. Der Platz dient als Akklimatisierungscamp für Bergsteiger, die sich an den umliegenden 6000ern austoben möchten. Das Beste: Direkt am Camp gibt es Thermalquellen mit geschätzt 35°C Wassertemperatur. Sieht verlockend aus, wenn da nicht die Openairtoiletten des Camps direkt oberhalb der Thermalbecken liegen würden – klarer Fall von schlecht gedacht, schlecht gemacht!

Für uns gibt es jetzt deftiges Abendessen, denn die geplante Tour für den nächsten Tag kratzt schon fast an der 6000er Marke.

Von der Wüste ins Hochgebirge
Von der Wüste ins Hochgebirge
Von der Wüste ins Hochgebirge

Kranked Area

Stoked?

Der letzte Reise Tag endete, wie die meisten, mit einer Stellplatzsuche im Dunkeln. Von der uns umgebenden Landschaft sieht man nahezu garnichts und so sind wir gespannt, was für eine Überraschung uns am nächsten Morgen erwartet. Das einzige, was wir mit unserer Außenbeleuchtung erkennen können, sind die Ausläufer von Lehmformationen. Die letzten Tage haben wir überwiegend im Auto auf der Straße verbracht oder haben Sachen vorbereitet und organisiert. Von dem nächsten Tag erhoffen wir uns einen entspannten Vormittag in einer Kranked Area. Wer kennt das nicht? Der Name der ersten abfahrtsorientierten Mountainbike Videos prägt eine Landschaft, die wohl vor tausenden Jahren noch der Grund eines Sees gewesen ist. Wir hoffen auf einen Volltreffer wie vor einigen Jahren in Kappadokien in der Türkei. Solche ausgespülten Hänge laden ein zu flowigen Abfahrten mit ordentlich Tempo. Wenn der Shape passt, kann man unzählige Wallrides hinlegen. Am Ende einer solchen langen natürlichen Halfpipe wird man mit Karacho herausgespuckt. Die Silhouetten um uns herum sehen jedenfalls vielversprechend aus.

Am nächsten Morgen die Überraschung: Westlich von uns breitet sich über die gesamte Blickweite eine Bergkette aus, aus der mehrere weiße Gipfel hervorschauen. Es dauert einige Minuten, bis man sich satt gesehen hat. Vor dem Frühstück läuft Flo direkt eine der Lehmformationen hoch: Könnte funktionieren. Der Boden ist aber relativ hart, die Hänge fallen steil ab. Fahrfehler zu korrigieren wird schwierig. Wir müssen es auf einen Versuch ankommen lassen und Obacht geben. Daraus wird nix. Wir bekommen während und nach dem Frühstück zwei Mal Besuch. Offensichtlich stehen wir neben der Zufahrt zu einem Mineralabbaugebiet. Keiner ist uns böse gesonnen oder hat uns gebeten, wegzufahren. Doch neue Lines in einem aktiven Steinbruch suchen? Vielleicht ein anderes Mal.

Wenige Kilometer weiter nördlich nehmen wir eine zufällige Dirtroad nach Osten: Bingo! Keine 1,5km weit fahren wir in den zerklüfteten Canyon und es eröffnet sich uns ein Areal mit Kappadokien-ähnlichen Hängen. Hier sind die Lehmformationen schon wesentlich weicher, allerdings immer noch recht steil. Bike aufgebaut, hochgeschoben und ausprobiert: Nach ein paar Versuchen kennt man das Gelände etwas besser und es lässt sich präziser lenken. Man muss wissen, dass sich die Räder doch in den Boden eingraben, wenn man das Gewicht nicht mittig auf dem Rad verteilt. Wir laufen weiter in den Canyon rein und probieren den ein oder anderen Grat der Lehmformationen aus. Ein Flow aus kombinierten Wallrides kommt nicht auf: Die Hänge laufen zu spitz unten zusammen, es liegt zu viel grobes Material im Auslauf. Wir begnügen uns mit dem Nervenkitzel, den Grat abzufahren, während links und rechts losgelöste Steine metertief den Hang herunterkullern.

Kranked Area
Kranked Area

Wir schauen um die Ecke und laufen weitere Lines ab – und werden fündig: Ein von Natur perfekt geformter Kicker gefolgt von einem langen, sauberen Wallride aus Fels – drop-in only! Es braucht ein paar Anläufe, bis man die Idee des Trailbauers umsetzen kann aber dann gibt’s den erwarteten Flow und Airtime. Genug für den Vormittag: Die Sonne hängt direkt über uns und selbst der Wind legt eine Siesta ein. Das heruntergekurbelte Fenster sorgt für einen kühlen Fahrtwind und wir sind wieder auf der Straße.

Kranked Area

Auf dem Weg nach Ischigualasto

Der nächste Stop liegt hinter einem durchaus attraktiven Pass auf einer Hochebene und heißt Parque Provincial Ischigualasto. Wir haben es nicht erwartet, dort mit den Bikes die Hänge abfahren zu können oder grandiose Singletrails zu finden. Der Blick in die Tiefebene ist eine Augenweide – die bis zum Horizont reicht. Die Tiefebende bilden krass abgeschnittene Hänge, die mehrere hundert Kilometer lang zu sein scheinen. Die Rücken der Hänge sind leicht abfallend, bis es an einer astreinen Drop Kante mehrere Hundertmeter tief in die Ebene geht. Einmalige Kulisse. Wir fragen nach: Der Zutritt geht ausschließlich mit einem Guide, wenn man den Park zu Fuß oder mit dem Bike erkunden möchte. Die Zufahrt ist nur stündlich in einer Kolone mit anderen Besuchern möglich. Einerseits ist es gut, dass die Natur an diesem Fleck so geschützt wird, alle Achtung. Andererseits ist es schade, da es uns komplett widerstrebt, angebunden zu sein. Wir suchen uns einen Stellplatz am trockenen Flussbett außerhalb des Parks.

Kranked Area
Kranked Area

Road trippin'...

Am nächsten Morgen entscheiden wir uns gegen den Gruppenbesuch des Parks und arbeiten uns weiter nach Norden vor. Der Kilometerzähler dreht sich stetig weiter. Eine klare Sicht durch die Täler gibt es nicht. Vermeintlicher Dunst hängt in der Luft, dabei ist es aufgewirbelter Sand, der mehrere hundert Meter hoch in der Luft steht – der Wind bläst hier sicher mit 50 bis 60 km/h durch. Vorbildlich asphaltierte Straßen, die zwischenzeitlich einfach weggespült worden sind, wechseln sich mit Dirtroads ab. Wir durchqueren mehre Flüsse. Teils ist nicht mal ein weiterer Straßenverlauf oder Reste der Straße zu sehen – sie hört vor dem 80m breiten Flussbett auf und geht danach ganz normal weiter. Erstaunlich, welchen Strapazen wir unseren Transit aussetzen. Ohne zu murren geht es weiter. Ortschaft: Tanken, Snack, weiter. Wir staunen immer wieder, woher in dieser kargen Landschaft überhaupt Wasser kommt. Klar, aus den Bergen, aber in der Menge? Dazu kommen grell grüne Pflanzen und blühende Blumen: im Sand! Es scheint hier wohl doch hin und wieder zu regnen.

Kranked Area
Kranked Area

Wir cruisen durch die Täler und fahren auf unter 1000m, links und rechts versuchen wir die Höhe der Berge abzuschätzen: 2000m? 3000m? Die Weite der Täler ist trügerisch. Nur auf den dritten Blick erkennen wir, dass sich in den Wolken weitere Berge aufbauen. Die Schätzungen verdoppeln sich: Vor uns liegen die 6000er. Morgen soll es dann über den San Francisco Pass gehen: 4600m. Den 6000ern werden wir dann einen Besuch abstatten.

Kranked Area

Die ganze Route an diesem Tag verlief immer wieder durch verschiedene Täler. Wäre einer von uns in diesem Moment in den Sekundenschlaf gefallen, hätte er den plötzlichen Übergang verpasst: Aus Weinreben und Wallnussbaumplantagen wechselt es abrupt in eine weiße Wüste. Tal zu Ende. Wir sind in der Wüste. Sand fliegt über den Asphalt hinweg, die Transe ebenfalls. Die Sonne ist bereits hinter den Bergen untergegangen und leuchtet die wenigen Linsenwolken von unten an. Wir haben unser Ziel für heute erreicht und suchen uns einen Stellplatz – hoffentlich brauchen wir die Sandbleche morgen nicht.

Kranked Area
Kranked Area
Kranked Area

Auf dem Weg im Chaos

Auf dem Weg im Chaos

Spektakuläre Pässe und Berge

Blitze im Fünfsekundentakt zucken über unseren Köpfen in den Wolken umher. Hin und wieder schlägt einer in den Felswänden der umliegenden Berge ein. Der wetterbedingte Abbruch der letzten Tour am Cerro de Plata stellt sich doch als sehr vernünftig heraus – egal, wie viele Zentimeter es letztendlich schneit.

Ein paar Stunden zuvor: Wir cruisen bei bestem Wetter gemächlich durch tiefe Schluchten. Entstanden in Millionen Jahren Erdgeschichte. Senkrecht stehende Gesteinsschichten erzeugen ein bizarres Landschaftsbild. Mächtige Erdrutsche und Überschwemmungen vergangener Jahrtausende haben die Täler mit Sedimenten gefüllt. Die heutigen Flüsse fräsen sich mit jedem der raren Regenfälle in der Halbwüste ein paar Zentimeter tiefer ins Sediment. Die alte Bahnlinie vergangener Zeiten ist davon nicht ausgenommen. Brücken werden weggespült, die alten Gleise geben nicht auf und baumeln in der Luft. Hängen sie etwa am Siemens-Lufthaken? Etwa alle 50 Kilometer gibt es halb verfallene Bahnhöfe und Stationen mitten im Nirgendwo. Wer hier wohl ein- und aussteigen wollte? Verfolgt man den Verlauf der Bahnlinie über Pässe mit 3000 Metern Höhe und mehr, so war diese Route wahrlich nicht einfach zu unterhalten: Die Gleise sind oft metertief unter Geröll und Schutt begraben, Felsblöcke in Wagongröße haben Lawinenschutztunnel zerstört, Sturzbäche ganze Brücken hinweg gefegt. Trotzdem oder gerade deshalb war diese Bahnlinie über hunderte von Kilometern durch die Berge eine Pionierleistung. Eine Fahrt mit dieser Schmalspurbahn muss den schweizer Glacierexpress um Längen in den Schatten gestellt haben.
An unserer Straße finden wir immer wieder merkwürdige Opferstände und Gräber, die teils meterhoch mit gefüllten Wasserflaschen garniert sind. Was das für ein Brauch sein mag?

Auf dem Weg im Chaos
Auf dem Weg im Chaos
Auf dem Weg im Chaos
Auf dem Weg im Chaos
Auf dem Weg im Chaos
Auf dem Weg im Chaos

Dann der zackige Wetterumschwung: Düstere Wolken brauen sich über den umliegenden Viertausendern zusammen. Endzeitstimmung breitet sich aus. Wer jetzt denkt, die Fotos der Endzeitstimmung seien nachbearbeitet, der hat Recht. Aber sie sind nicht abgedunkelt, sondern aufgehellt! Eine düsterere Suppe über meinem Kopf habe ich noch nicht erlebt. Inmitten des Gewitters finden wir einen schönen Stellplatz, um das Spektakel zu beobachten.

Auf dem Weg im Chaos
Auf dem Weg im Chaos
Auf dem Weg im Chaos

Der Höchste = der Besucherunfreundlichste?

Die Vorwarnung im Internet gab es schon: Bikeverbot am Aconcagua, mit 6962 Metern der höchste Berg Südamerikas und gleichzeitig der höchste Berg außerhalb Asiens. Unser Weg nach Santiago führt uns direkt am Zustieg des Aconcaguas vorbei. Fragen kann man ja mal! Die Sache hat nur einen Haken: Für den Einlass in den Nationalpark und die Besteigung braucht man eine Genehmigung. Zu holen in der etwa 240 Kilometer entfernten Stadt Mendoza. Kostenpunkt: je nach Saison zwischen 700 und 900 US$! Diese Kombination klingt zu wenig verlockend, um sie durchzuführen. Chancen rechnen wir uns sowieso keine aus und so fahren wir direkt zum Eingang des Nationalparks – erst mal die Ranger fragen. Die Antwort fällt eindeutig aus: nein!

Für umgerechnet etwa zwei Euro darf man aber die fast zwei Kilometer lange Touristenrunde im Park zu Fuß machen. Aber ja nicht die Wege verlassen! Wir gönnen uns dieses Spektakel und sind begeistert von dem mächtigen Massiv, das sich etwa 20 Kilometer weiter hinten im Tal auftürmt. Die Schneelage macht schließlich die letzten Träume einer Befahrung zunichte.

Auf dem Weg im Chaos

Also weiter. Die Grenze nach Chile rückt näher. Zur Auswahl stehen: ein kilometerlanger Tunnel oder die alte Passstraße gut 700 Meter über dem Tunnel. Wir entscheiden uns für den Pass – der verspricht Panorama und Abenteuer! Auf 3850 Meter führt uns die Passstraße, die weiter oben eigentlich nur noch ein einspuriger Feldweg ist. Unser Auto schlägt sich gut, allerdings sind manche Abschnitte nur noch im ersten Gang möglich. Auf der chilenischen Seite des Passes: sicher 80 Serpentinen, die sich eng an den Hang schmiegen. Aber wo ist eigentlich die Zollstation? Vermutlich unten im Tal, wo die Straßen wieder zusammenführen. Nein, ist sie nicht! Dann weiter talabwärts? Aber wo ist die argentinische Station zum Ausreisen? Gibt es die nur an der Straße mit Tunnel? Sind wir da schon vorbei? Wir fahren weiter das Tal hinab, um nachzuschauen und stoßen auch gleich auf die chilenische Station. Mist, jetzt sind wir nicht aus Argentinien ausgereist. Das gibt Probleme mit dem Zoll, wenn wir wieder zurück über die Grenze kommen.

Wir erklären der Zollbeamtin unser Problem. Sie schüttelt nur den Kopf und schickt uns zurück nach Argentinien. Also zurück, dieses Mal durch den Tunnel. In der argentinischen Zollstation sitzt nur ein Polizist, der uns zurück nach Chile schickt: das sei ein „Sistema Integrale“ und würde beides in Chile abgewickeln. Na toll, da hat uns die chilenische Beamtin umsonst zurückgeschickt und kennt ihr eigens System nicht. Wieder in Chile, benutzen wir einen anderen Schalter und siehe da: Alles klappt problemlos.

Auf dem Weg im Chaos
Auf dem Weg im Chaos

Großstadt und Verbote

Am frühen Abend erreichen wir Santiago de Chile und platzen voll in die Rushhour rein. Das halbe Straßensystem wird währenddessen geändert: Straßen sind nur noch in eine Richtung befahrbar, Kreuzungen werden gesperrt und trotzdem oder gerade deshalb steht irgendwie alles. Das Navigationssystem spielt verrückt und kennt die zeitbedingten Änderungen im Verkehr nicht. Nach fast zweieinhalb Stunden im Chaos sind wir endlich bei Basti, einem Freund von Lev. Wir gehen essen und stolpern in eine große Demo. Aha, heute ist Weltfrauentag und dadurch ist die Stadt gleich doppelt lahmgelegt. Wir haben scheinbar ein Händchen dafür, ins Chaos zu geraten.
Essen gibt’s im Alma Aleman (Deutscher Geist) – deutsch ist da aber nix außer dem Wappen an der Wand. Anschließend decken wir uns mit einem Bierchen ein und chillen im Park und sitzen dabei das erste Mal seit Reisebeginn wieder auf Wiese! Im Park tummelt sich das Leben: Zig Skater bevölkern einen unglaublich großen Skatepark, zig Polizisten patrouillieren umher und verscheuchen uns – Bier trinken in der Öffentlichkeit verboten. Spielverderber!

Wir fahren zum Stadtrand, Tourbeginn für die morgige Tour auf einen Aussichtsberg direkt über Santiago, 2750 Meter hoch. Kaum erreichen wir den Stadtrand, stehen sie da: Hinweisschilder auf einen privaten Park. Aber es soll Mountainbiketrails geben. Vielleicht wird es ja doch was.
Es wird nix: Am Start des Trails steht ein Kassenhäuschen, Trails befahren streng verboten. Wir können aber auf den Feldwegen biken. War irgendwie klar.

Der Tag wird zum Orgatag: Wir beantragen unseren Permit per Mail beim DIFROL, das sich auch in Santiago befindet. Ohne telefonische Bestätigung, dass die Mail angekommen ist und alles passt, verlassen wir Santiago nicht! Scheint aber zu passen. Wie wir dabei erfahren, braucht man übrigens für jeden Grenzberg, den man von Chile aus besteigen will, ein Permit vom DIFROL! Die spinnen, die Chilenen.

Außerdem „schwälbeln“ unsere Maxxis Hinterradreifen am Auto und verlieren massig Stollen (für alle Nicht-Biker: Schwalbe ist ein Fahrradreifenproduzent, dessen Reifen dafür bekannt sind, dass innerhalb kürzester Zeit die Stollen ausreißen). Da unsere Reifengröße nicht sehr gängig ist, macht es Sinn, diese in einer Großstadt wie Santiago zu suchen. Im vierten Laden haben wir Glück und finden was geländetaugliches, das wir auf Reserve kaufen. Aufziehen geht ja überall.

Auf dem Weg im Chaos

Genug Großstadtchaos, nichts wie weg hier: Wieder zurück nach Argentinien – dort wären uns dann fast die neuen Reifen an der Grenze abgenommen worden. Der Zoll drückt netterweise ein Auge zu. Vorbei am Aconcagua und einem Gefängnis, das nach und nach von den Sedimenten einer Quelle überzogen wird. Dann Richtung Norden immer weiter in die Wüste, bis wir uns einen Schlafplatz in einer Gegend sichern, die viele Biker der ersten Stunde in Kranked-Bikefilmen wiedererkennen würden. Möge der Spaß am nächsten Morgen beginnen!

Auf dem Weg im Chaos
Auf dem Weg im Chaos

Wedeln, nochmal wedeln!

Wedeln, nochmal wedeln!

Pläne schmieden, unser Mögliches abwägen

Hinter uns liegt mal wieder ein Orga- und Reisetag zurück: Einkaufen, WiFi Spot aufsuchen und gut Strecke zurücklegen. Spät abends fahren wir im ersten Gang eine Schotterpiste rauf. Unser heutiges Ziel liegt auf 3000m Höhe und ist der Ausgangspunkt zum Cerro de Plata: 5961m hoch, teils vergletschert und umgeben von sich hochtürmenden Nebengipfeln mit senkrecht abfallenden Wänden. Am Fuß des Berges liegt ein ca. 20km langer See. Ein starkes Pano ist garantiert! Hätten wir einen Tramper an der Schotterpiste nicht aufgesammelt, wären wir an der Bergwacht eiskalt vorbeigefahren. Hier müssen wir uns registrieren und bekommen jeweils einen nummerierten Beutel für unsere Kacke. Beim Check-Out aus dem Reservat muss dieser wieder hier abgegeben werden. Don’t shit where you eat!

Wedeln, nochmal wedeln!
Wedeln, nochmal wedeln!

Wir parken am Ende der Schotterpiste und wollen uns zügig noch was zu essen machen, denn es geht bereits auf Mitternacht zu. Unsere Küche können wir aber nicht nutzen: Die Gasflasche ist leer, verdammt! Kurzer Hand greifen wir auf unseren Camping Kocher zurück. Während wir kochen und essen, bietet uns eine äußerst aktive Gewitterzelle im Tal eine spektakuläre Unterhaltung. Bevor es ins Bett geht, schmieden wir noch einen Plan für die kommenden Tage. Es wird mehr Geschleppe werden, als bei der letzten Zweitagestour: Wir brauchen unsere dicken Schlafsäcke für Minustemperaturen, ebenso mehr warme Klamotten und mehr Proviant – wir werden über zwei Tage für den Gipfel brauchen. Die Überlegung, uns Träger zu organisieren ist da. Wir entscheiden uns für einen etwas anderen Versuch. Vier Tage: Am ersten Tag steigen wir mit dem Zelt und dem Proviant für den Gipfeltag zu. Lassen das Ganze im Basiscamp zurück und steigen weiter auf, um uns etwas zu akklimatisieren und fahren anschließend wieder ins Tal ab. Der zweite Tag ist ein Ruhetag und wir können ins Tal fahren um unsere Gasflasche aufzufüllen. Am dritten Tag würden wir mit der zweiten Hälfte des Materials – Schlafsäcke, Isomatte, etc. zusteigen und am Basislager auf 4300m übernachten. Der vierte und letzte Tag ist der Gipfeltag, an dem wir dann mit dem gesamten Equipment komplett ins Tal abfahren. Der Wettercheck sagt für unseren Zeitplan: Schnee am dritten Tag: 2cm im Basislager, 17cm am Gipfel. Die Sonne knallt hier ordentlich, könnte also trotz Niederschlag funktionieren. Ob wir das schaffen, einen fast 6000er mit der Herangehensweise zu erklimmen, gilt es herauszufinden. Ab morgen.

Wedeln, nochmal wedeln!

Tag 1: Knapp dem Eiskratzen entgangen

Der nächste Morgen: Es hat mächtig aufgefrischt. Unsere dünnen Schlafsäcke sind auf 3000m Höhe im Bus nun am Limit. Nachts gab es etwas Niederschlag und der Bus ist angezuckert – sowie die Felswände um uns, die man in der Wolkensuppe zumindest erahnen kann. Es ist kalt. Beim Packen des Autos in Deutschland haben wir die richtige Entscheidung getroffen: Lassen wir mal den Eiskratzer im Handschuhfach.

Wedeln, nochmal wedeln!

Wir packen unsere Rucksäcke und stiefeln los. Wieder sind es rund 26kg pro Person. Bis zum Basislager sind es 1300 Höhenmeter – könnte sportlich werden. Es zeigt sich jedoch, dass der Weg sehr gut eingelaufen ist. Wir können viele Abschnitte schieben, den flachen Teil sogar kurbeln. Es gibt Wegweiser und Schilder mit Höhenangaben – ein Novum auf unserer Reise! Der Trail wird verblockter, das Tragen effizienter. Wir kommen gut vorwärts und verlassen die Vegetationsgrenze. Der Weg verläuft über einen Grat und der Schulterblick bietet mit jedem weiteren Höhenmeter ein abgefahrenes Panorama: Man kann über das gesamte Tal herunterblicken, bis zu dem See ganz unten. Vor uns türmen sich die Felswände der Nachbargipfel. Hier schmilzt die Zuckerschicht der letzten Nacht nicht mehr so schnell weg. Gute viereinhalb Stunden haben wir für die 1300 Höhenmeter bis zu unserem Basislager gebraucht, die Höhe und die Last machen sich bemerkbar. Letztere packen wir aus unseren Rucksäcken aus, tüddeln alles zusammen und suchen ein gutes Versteck für das Zelt und den Proviant.

Wedeln, nochmal wedeln!
Wedeln, nochmal wedeln!

Wir machen Mittag und entscheiden uns weiter aufzusteigen: Wir haben noch etwas Zeit in petto und der Akklimatisierung schadet es nicht. Schließlich ist das unser erster richtig hoher Berg auf diesem Trip. In vielen engen Kurven windet sich der Trail weiter hinauf mit einer angenehmen Steigung. Wir freuen uns riesig auf die Abfahrt. Die unterschiedlichen Gesteinsfarben, blaue Gletscher, weiße Schneefelder – das alles mit einer Weite und Tiefe kombiniert, die ich bis dato noch nicht erleben durfte. Kann man schon mal machen! Der Trail wird flacher und wir können den weiteren Verlauf gut erkennen: Man macht etwas mehr Strecke, bevor es dann auf den Grat geht, der auf 4800m liegt. Wir entscheiden uns, es hier gut sein zu lassen. 1650 Höhenmeter Abfahrt liegen vor uns, unzählige Kurven und mordsmäßiger Grip auf dem Festgetretenem Trail: Yeah!

Wedeln, nochmal wedeln!
Wedeln, nochmal wedeln!

Wir rollen rein in die Abfahrt. Keine 15m, schon geht’s aufs Vorderrad. Wie es aussieht, können wir in jeder Kurve mit dem Hinterbau wedeln: stimmt! Und so geht es die ersten paar hundert Höhenmeter bergab. Manch eine Kurve lässt sich auch schön auf beiden Rädern durchrollen: Könnte man als Pause ansehen. Und wieder: aufs Vorderrad und einlenken. Spaß. Flow. Basislager. Nach einem kurzen Schnack mit anderen Bergsteigern setzen wir die Wedelei über die Gletschermoräne fort und lassen unser Gepäck bis übermorgen zurück. Hoffentlich müssen wir unser Zelt nicht aus dem Schnee ausgraben. Die Sonne versteckt sich hinter Wolken und trotzdem wird es warm, sodass wir Schichten ablegen müssen.

Wedeln, nochmal wedeln!
Wedeln, nochmal wedeln!
Wedeln, nochmal wedeln!

Wir verlassen die Moräne und den Schotter und wechseln in die Graslandschaft. Der Trail wird weniger kurvig und wir können es laufen lassen. Die herumliegenden Blöcke laden zum Spielen ein und wir nehmen die Einladung dankend an. Es geht zügig dem Tal entgegen und wir kommen in der Dämmerung am Bus an: alles nach Plan. Wir packen ein und fahren weiter ins Tal, um der Kälte in der Nacht zu entgehen und der Stadt morgen näher zu sein.

Wedeln, nochmal wedeln!
Wedeln, nochmal wedeln!

Tag 2: Ruhetag?

Heute ist unser Ruhetag und wir verlassen unser Camp am ausgetrocknetem Fluss in Richtung Stadt. Auf dem Weg dahin fahren wir an einer Raffinerieanlage vorbei, die fehl am Platze zu sein scheint. Auf eine besondere Weise bildet unser Berg zusammen mit der Anlage ein bizarres Bild.

Wedeln, nochmal wedeln!

Unsere Ziele in der Stadt sind klar: Tanken, Einkaufen und die Gasflasche auffüllen. Auf die Gasfüllung müssen wir leider bis mittags warten. Nun gut, dann ist das halt so. Während wir die Seele am Park baumeln lassen, checken wir noch mal den Wetterbericht. Oha! Das könnte ungemütlich werden: Von 2cm im Basislager ist nichts mehr zu sehen. Von den 17cm am Gipfel genau so wenig. Es sind nun über den morgigen Tag aufsummiert für das Basislager 22cm und für den Gipfel über 40cm Schnee gemeldet. Sollten wir unserem Zeitplan treu bleiben, werden wir das Zelt tatsächlich aus dem Schnee ausgraben, sofern wir es überhaupt finden. Wir haben beim Aufstieg gesehen, dass auf der Höhe, trotz der brennenden Sonne, der Schnee kaum schmilzt. Abfahren bei 40cm Neuschnee? Never! Den Gipfel werden wir bei der Vorhersage auf keinen Fall erreichen. Zwei bis drei Tage warten, bis der Schnee geschmolzen ist: zu unsicher. Der Wind nimmt zudem stark zu und würde auf 90km/h steigen. Rationale Entscheidung bei einem Espresso: Planänderung. Ruhetag ist gestrichen. Zelt aus dem Basislager abholen. Wir packen die volle Gasflasche ein, trödeln nicht weiter herum und fahren wieder zum Ausgangspunkt.

Déjà-vu

Es ist 14 Uhr, als wir die Bikes auf die halbleeren Rucksäcke hieven. Man merkt den gestrigen Tag. Die Sonne brennt. Den Weg kennen wir bereits. Wir haben sechs Stunden Zeit für den Aufstieg und die Abfahrt. Wir machen unterwegs zwei Pausen und laufen steten Schrittes die gestrige Strecke bis zum Basislager in unter drei Stunden! Das haben wir selber nicht erwartet, und das auf der Höhe. Wieviel doch das Extragewicht, die Fotopausen und die Akklimatisierung ausmachen. Oben am Basislager gemischte Gefühle: Der Gipfel bleibt uns (mal wieder) verwehrt. Allerdings liegt eine starke Abfahrt vor uns und diesmal im wundervollen Abendlicht. Etwas Kuriosität schleift sich in den heutigen Tag auch ein: Ich bin noch nie mit mehr Proviant in die Abfahrt rein, als in den Aufstieg. Nun gut, das Hinterradversetzen haben wir gestern geübt. Wir holen unsere Bagage ab, verstauen alles in den Rucksäcken und los geht’s!

Wedeln, nochmal wedeln!
Wedeln, nochmal wedeln!

Übung macht den Meister und wir wedeln wieder der Abfahrt entgegen. Ich als Wahl-Hannoveraner ohne nennenswertes Gefälle daheim profitiere enorm vom gestrigen Tag und der Körper erinnert sich schneller an die alpine Vergangenheit, als ich es erwartet hätte. Immer mehr Kurven sitzen immer sicherer. Stark! Das Extragewicht im Rucksack ist vergessen. Flo kostet jede Kurve bis zum äußersten aus und wir haben beide einen unglaublichen Spaß. Das Abendlicht schafft neue Farben und bietet ein kontrastreiches Schattenspiel. Unglaubliche Szenerie! Unten raus überholt uns der Schatten des Bergs: keine Chance dranzubleiben. Wir spielen mal wieder mit den größeren Böllern in der Abfahrt und erreichen gegen 19 Uhr unseren Bus. Wir finden einen schönen Stellplatz unten im Tal am rauschenden Bach und lassen den vermeintlichen Ruhetag ausklingen. Leider konnten wir nicht herausfinden, ob wir es geschafft hätten, mit unserer Material-Shuttle-Technik einen Berg ohne Träger zu erklimmen. Es fühlte sich aber nach einer nicht wirklich falschen Herangehensweise an und das ist schon mal etwas. Auch wenn wir jetzt einen Trail doppelt gefahren sind: Es hat richtig Spaß gemacht!

Wedeln, nochmal wedeln!
Wedeln, nochmal wedeln!
Wedeln, nochmal wedeln!

Vorweggenommen: Der nächste Tag verlief wettertechnisch gesehen ruhig und wir konnten bis Mittag keine einzige Wolke über den Bergen beobachten. Fast haben wir uns geärgert, uns auf den Wetterbericht verlassen zu haben. Wir sind derweil gute 50km weiter nördlich gefahren. Gegen Nachmittag haben sich binnen weniger Minuten dichte Wolken aufgebraut und eine düstere Stimmung lag über uns. Was danach folgte, zeigte uns, dass wir doch richtig lagen, diese Nacht nicht auf dem Berg verbringen zu wollen:

Wedeln, nochmal wedeln!

Anmerkung:

Sollte sich jemand wundern, dass auf den Bildern der PeakRider nicht mehr zu sehen ist: Mir ist der PeakRider Cone gerissen. Offensichtlich hat der Prototyp einen Material- oder Nahtfehler gehabt und hat unseren extremen Testbedingungen nicht standgehalten. Bei den nächsten Touren werde ich wohl leider auf den PeakRider verzichten müssen. Nach Rücksprache mit den Jungs von PeakRider, heißt es, dass diese Schwachstelle bereits bekannt sei. In der Serie ist die Naht und das Material des Cones verstärkt. Wir werden in der nächsten Stadt versuchen, den Cone mit einem stärkeren Faden reparieren zu lassen.

Wedeln, nochmal wedeln!

Die Kuriositäten(tor)tour

Die Kuriositäten(tor)tour

Die Genehmigung für die Genehmigung

Der große Geköpfte – so lautet die Übersetzung für einen der beiden Berge unseres Projektes. Zwei Vulkangipfel, der eine fast 4000 Meter hoch, der andere fast 3800 Meter. Beide liegen nebeneinander in einer kilometerweiten Vulkanlandschaft, die wohl von einem gewaltigen Ausbruch mit fast schneeweißen Gesteinskörnchen überzogen wurde – vermutlich Basalt? Ganze Bergketten im Umkreis sehen aus, als wären sie eingeschneit. Dazwischen funkeln tiefblaue Berg- und Kraterseen – klingt verlockend für eine Biketour!

Eine marode Brücke liegt vor uns; eine Leitplanke steht vor uns – aber nicht längs zur Fahrtrichtung, sondern quer! Kurios! Offensichtlich soll hier nicht mehr durchgefahren werden. Allerdings wurde keines unserer drei Navigationsprogramme davon in Kenntnis gesetzt. Zudem zeigt sich jetzt noch die Wächterin der Brücke: Eine sicher acht Zentimeter große Spinne. Die Botschaft ist klar, hier kommen wir nicht rein – also ab zur zweiten Straße, die in das besagte Tal führt. Auch das wird nix: Tor und Wachmann versperren den Weg. Ein kurzes Gespräch klärt uns auf: Das Tal gehört einer staatlichen Firma, die scheinbar Strom aus den umliegenden Gewässern erzeugt. Wir brauchen eine Genehmigung, um einzufahren – zu holen beim Hauptquartier 30 Kilometer talabwärts. Kurios! Es ist 19 Uhr, das wird heute nix mehr. Also Stellplatz in der Nähe gesucht, den Gipfel aus der Ferne in der Abendsonne und unter aufgehendem Vollmond bestaunt und auf den nächsten Tag gewartet.

Die Kuriositäten(tor)tour
Die Kuriositäten(tor)tour
Die Kuriositäten(tor)tour
Die Kuriositäten(tor)tour

Am nächsten Morgen an der Pforte des Hauptquartiers: Der Pförtner sagt, die Genehmigung müssen wir per Mail beantragen. Nach etwas Drängen ruft er schließlich den Zuständigen für die Genehmigung an. Das ist der Chef dieser Region persönlich: Eine Genehmigung dauert normal eine Woche, aber er könne sich vorstellen, dass wir sie jetzt brauchen, da wir schon da stehen. Wir sollen ihm eine Mail mit all unseren Daten, der geplanten Route und unserer Bergerfahrung schicken; er ist noch bis 12 Uhr da und würde sich heute noch darum kümmern. Es ist Freitag, 10 Uhr – in Windeseile tippen wir die Mail runter und glauben nicht so recht an eine Antwort vor Montag. Aber tatsächlich, um kurz nach 11 trudelt die Genehmigung per Mail ein. Also ab zum Tor! Der Wachmann am Tor gewährt uns aber keinen Einlass – wir brauchen noch eine Genehmigung von der Polizei. Kurios!

Die Polizei befindet sich 5 Kilometer talaufwärts. Hier müssen wir erneut alle Daten in ein Formular eintragen – in zweifacher Ausführung. Die Polizei scheint keinen Kopierer zu besitzen. Kurios! Mit dem abgestempelten Formular der Polizei also zurück zum Wachmann am Tor. Wir dürfen durch! Wir bekommen noch einen Schlüssel für ein weiteres Tor. Ob es bei dem ganzen Organisationsaufwand funktionierende Trails am Berg gibt?

Der Durch-den-Vulkan-See

Wir fahren zum Stausee am Talende. Die Landschaft ist traumhaft und wild: gute 2500 Meter ragt einer der beiden Gipfel über den See hinaus. Wir genießen die Szenerie und machen eine Pastaparty. Grundlage anessen, denn wir werden gleich den ersten Teil unserer Tour mit Zelt, Proviant und vollem Gepäck zurücklegen und am Berg übernachten. 26,5 Kilo pro Person – die Aktion ist unter anderem auch Probelauf für später folgende, noch größere Touren. Aber auch unsere jetzige Stichtour ist ohne Übernachtung kaum zu bewältigen: rund 2500 Höhenmeter, verteilt auf etwa 25 Kilometer Strecke – davon vermutlich 18 Kilometer tragenderweise. Plus Option auf den zweiten Gipfel, das sind zusätzlich 900 Höhenmeter und neun Kilometer.

Die Kuriositäten(tor)tour

Unser Plan: 600 Höhenmeter und etwa sechs Kilometer aufsteigen und an einem kleinen See zelten. Wir starten drei Stunden vor Sonnenuntergang, um der größten Hitze zu entgehen. Der Trail sieht erstaunlich benutzt aus – kaum zu glauben bei dem Genehmigungsprozedere. Der Trail führt über erkaltete, schwarze Lavaströme und wechselt kurz darauf in Steppenhänge. Der Boden wird sandig und weich – fast schon zu weich hat man das Gefühl. Eine kurze Rollprobe zeigt aber, dass es gehen sollte. Vor gewaltiger Bergkulisse schleppen wir uns dem Hochtal entgegen, in dem der See liegt. Dieser See entstand kurioserweise durch einen kleinen, etwa 200 Meter hohen Vulkankegel, der mitten im Tal ausgebrochen ist und so das Tal verschlossen und den See aufgestaut hat. Die Natur findet manchmal wirklich eigenartige Wege. Wir finden auch einen eigenartigen Weg, denn wir haben inzwischen den See erreicht. Zum Herbst hin ist dieser fast ausgetrocknet und so kurbeln wir über den trockengelegten Grund des Sees. An dessen oberem Ende finden wir pünktlich zum Sonnenuntergang einen guten Zeltplatz. Zelt aufbauen, Abendessen in Form von Brot und Dosenfisch und Wasservorräte auffüllen. Komischerweise wirken See und Zubringerbach nicht wirklich sauber.

Die Kuriositäten(tor)tour
Die Kuriositäten(tor)tour

Leben und Tod

Der Mond erleuchtet unser Hochtal, als wir am nächsten Morgen mit leichtem Gepäck los marschieren – Zelt und Schlafsäcke lassen wir zurück. Der Trail ist gut im schwachen Schein der Stirnlampe erkennbar – genau wie frische Kuhscheiße und wenig später eine Kuhherde. Dicht gedrängt starren sie uns an und können wohl dank Stirnlampe nicht so recht realisieren, was hier los ist. Wir schlagen einen Umweg ein. Plötzlich stürmt die komplette Herde los! Zum Glück nicht in unsere Richtung, sondern fluchtartig talaufwärts. Wenig später sehen wir die Herde in der Morgendämmerung in einer Felswand herumklettern – wie Bergziegen steigen sie durch die Wand hoch. Sehr geländegängige Kühe hier, kurios!

Unser Trail zieht in eine steile Flanke und verläuft sich nach wenigen Metern. Aha, also sind die Kühe schuld, dass es bis jetzt einen Trail gab? Immer wieder gibt es Spuren, die sich verlaufen. Bei jedem Schritt rutschen wir jetzt einen dreiviertel Schritt zurück. Na bravo! Das kostet echt Körner – wir brauchen alle 30 Schritte eine Pause.

Endlich ist es geschafft! Wir sind auf dem 2500 Meter hohen Vulkanplateau angekommen – die Vegetationsgrenze liegt wie abgeschnitten unter uns. Wüste, wohin das Auge reicht: Bestehend aus Vulkankies in schwarz und weiß. Dazwischen schimmern die tiefblauen Seen. Eine kuriose Welt: Leben (Wasser) und Tod (Wüste) liegen so nah beisammen und trotzdem hat das Wasser keine Wirkung. Der Kies kann es offensichtlich nicht speichern. Vereinzelt kämpft das Leben dennoch ums Überleben: Es gibt tatsächlich Pflanzen, die es doch irgendwie schaffen, hier zu wachsen. Selten war eine Biketour für mich so eindeutig: Hier gehst du drauf, wenn ein grober Fehler passiert. Kein Handynetz, keine Bergrettung, Dutzende Kilometer von der Zivilisation entfernt, die Sonne brennt wie Feuer.

Die Kuriositäten(tor)tour
Die Kuriositäten(tor)tour
Die Kuriositäten(tor)tour

Ende Gelände heißt es hier für uns. Denn eine kurze Rollprobe zeigt: der Vulkankies ist so weich, dass man selbst bei etwa 20 Grad Hangneigung noch treten muss, um vorwärts zu kommen. Kurios! Gute 15 Kilometer wären es ab hier noch, etwa acht davon fast eben – keine Chance, hier noch etwas mit dem Bike zu erreichen. Zumal uns die letzten 600 Höhenmeter Aufstieg wegen des weichen Bodens schon über drei Stunden gekostet haben.

Die Kuriositäten(tor)tour
Die Kuriositäten(tor)tour

Die Abfahrt schiebung

Wir setzen zum Rückzug an – Abfahrt! Die weglose Flanke lässt sich gut absurfen und sorgt gleich für ein Grinsen im Gesicht. Dieses verfliegt aber genauso schnell, wie es gekommen ist. Der folgende, flache Bereich lässt sich nicht mal mehr treten, weil wir einfach zu tief einsinken. Bergab schieben – kurios!

Die Kuhherde ist die Felswand mittlerweile wieder abgestiegen und steht etwa 200 Meter von unserer Abfahrtsspur entfernt. Vier Tiere nehmen unsere Verfolgung auf. Zu unserem Glück wird der Hang steiler und wir können ihnen davon fahren. Das war knapp!
Ein paar Meter rollen, ein paar Meter treten, ein paar Meter schieben – so sieht die Abfahrt bis zum Zeltplatz am See aus. Wie die kurze Rollprobe im Aufstieg nur so täuschen konnte? Ob man das überhaupt noch Abfahrt nennen kann? Zelt einpacken und weiter geht’ s. Wir sind echt platt und wollen nur noch runter. Unterhalb des Sees das gleiche Bild: Ein Mix aus rollen, treten und schieben. Wenigstens ist der Rollanteil nun deutlich großer. Völlig platt kommen wir am frühen Nachmittag am Auto an und sind froh, die Abfahrtstortur überstanden zu haben.

Die Kuriositäten(tor)tour
Die Kuriositäten(tor)tour
Die Kuriositäten(tor)tour

Das war wahrlich eine Tour der Extreme: Eine der wohl eindrucksvollsten Landschaften, die wir erleben durften, auch wenn wir nur den Rand gestreift haben. Eine der schlimmsten Abfahrten, die wir in unserem Bikeleben verbuchen können. Kuriose Kombination!

Wir packen ein, geben den Schlüssel ab und steuern mit viel Vorfreude dem nächsten Projekt entgegen: Es wird endlich in die richtig hohen Berge gehen und das hoffentlich auf festen Trails! Die Fahrt über einen Pass nach Argentinien hat landschaftlich einiges zu bieten und wird nach den Strapazen zum wohltuenden Genuss.

Wer sich wundert, dass bei dieser Tour keine eindeutigen Bergnamen stehen, dem sei gesagt: mit Bike lohnt sich das nicht! Beim Erfragen der Genehmigung haben wir nicht erwähnt, dass wir Bikes dabei haben. Es scheint hier zwar kein Gesetz zu geben, welches das Fahren auf Trails verbietet – trotzdem ist es fraglich, ob wir die Genehmigung erhalten hätten. Es wäre sicherlich die kurioseste Anfrage an Wasserfirma und Polizei gewesen!

Die Kuriositäten(tor)tour

25km Pumptrack

25km Pumptrack

Eine lange Tour ist nicht immer ein Flowtrail

Wir haben die Chillán Gegend verlassen und fahren ein paar Täler weiter. Dort steht der Cerro el Torro, fast 3100m hoch. Es ist ein ganz schöner Felsklotz und einen bikebaren Weg gibt es dort nicht. Auf unserem Plan steht der Pass, der südöstlich des Gipfels liegt. Unterhalb des Gipfels gibt es zahlreiche Hochplateaus, die durch Wanderwege mit anderen Tälern verbunden sind. Einer dieser Wege passiert mehrere Lagunen, die direkt am Pass liegen: Unser heutiges Ziel. Ab dem Traileinstieg, der diesmal wirklich eine 4×4-only Strecke ist, sind das bis zu den Lagunen 22km oneway! Eine ordentliche Strecke. Sollte man einen Teil kurbeln können, wird diese Tour allerdings moderat bleiben. Die Höhenmeter sprechen dafür, dass das möglich sein sollte: Es sind nur 1200.

Erste Talkreuzung

Also starten wir in dieser Annahme die Tour gemütlich: Um neun Uhr morgens ziehen wir die Sättel raus und kurbeln die ersten drei Kilometer rein. Forstpiste, Staub, trockene Flussbette: Auf- und Ab. Nun gut, bis zur ersten Talkreuzung könnte man so etwas erwarten. Kurz darauf scheint die Forstpiste zu Ende zu sein: Wir machen weiter mit scharfem Gestein unter den Stollen. Immer wieder fahren eine längere Zeit durchs Wasser. Schnell geht’s auch nicht vorwärts, da man sich eine Linie suchen muss. Wenn’s so weitergeht… Ja, es geht so weiter. Auf den weiteren 10km wechselt sich die staubtrockene Forstpiste mit dem felsigen Untergrund und dem Auf- und Ab durch Flussbette ab. Sportlich!

25km Pumptrack

Wir queren einen Fluss und begeben uns ins nächste Tal. Jetzt sind keine Reifenspuren von Autos mehr zu sehen und es kristallisiert sich ein Trail heraus. Das GPS sagt, dass die kommenden Kilometer stetig bergauf gehen sollen. Endlich! Es lässt sich schön kurbeln und wir sind guter Dinge. Wir werden eines Besseren belehrt. Der Trail wird immer wieder von Fels- und Steinformationen unterbrochen. Es lohnt sich kaum aufzusteigen, da die kommende Passage schon oft in Sichtweite ist. Wir haben nun über zehn Kilometer hinter uns und der erhoffte Flow versteckt sich noch. Es geht auf die Mittagszeit zu, sagen uns die Mägen, und wir pausieren am Fluss. Hier geht auch unser eigentlicher Trail hoch, der zu den Lagunen und dem Plateau führt. Es geht bergauf: Steil, steinig, staubig. Uns kommen Reiter mit Ziegen und Hunden entgegen. Uns leuchtet es jetzt ein, wieso der Trail so feinstaubig und ausgelaufen ist. Wir legen auf kurzer Strecke 400 Höhenmeter zurück: Yeah, es gibt Trailpotenzial. Besonders interessant ist der Trail nicht, aber es wird sich etwas spielen lassen – und man kann es laufen lassen.

25km Pumptrack

Wir befinden uns nun im Tal und einer der Gipfel, den wir aus der Nähe betrachten wollen, zeigt sich. Die Motivation steigt – und verabschiedet sich sofort, als der Weg wieder bergab geht. Derweil ist es schon Nachmittag und die Sonne brennt. Wind? Schatten? Fehlanzeige. Skeptisch rechnen wir durch, was uns noch bevorsteht und es wird uns schnell klar: Wir schaffen es nicht. Es ist noch zu viel Strecke vor uns, als dass wir bei Tageslicht am Auto wären. Die Hoffnung stirbt zuletzt: Sollte es aber im weiteren Trailverlauf widererwarten eine Kurbelpassage geben, besteht noch die Chance, die Lagunen zu erreichen! Helm auf und Abfahrt. Unter uns liegt ein Fluss, an dessen Rändern Bäume und keine Büsche wachsen. Doch auch hier ist kein Flow zu finden, verdammt. Zumal wir derweil seit sechs Stunden unterwegs sind und auf dem Rückweg uns wieder einige hundert Höhenmeter haben werden. Wir machen uns an unseren Tourenproviant und schlagen den Rückweg ein. Rund 14km Strecke stehen wieder vor uns.

25km Pumptrack
25km Pumptrack

Erste Talkreuzung

Der staubige und steile Trailabschnitt bringt uns auseinander: Es ist einfach nichts zu sehen, sofern man wie gewohnt nur wenige Meter hintereinander fährt. Also warte ich, bis sich Flo’ s Staubfahne gelegt hat, bevor ich hinterherfahre. Übersieht man einen Stein, der sich im aufgewirbelten Staub befindet, heißt es: Abflug. Das gilt es zu vermeiden. Weitere ermüdende Faktoren wie die knallende Sonne und die stehende Luft sagen uns: „Da habt ihr euch aber noch was vorgenommen, Jungs.“ Ja, haben wir – und wir haben Spaß dabei. Ab dem Talausstieg und nach der ersten Flussquerung auf dem Rückweg wird es zäh. Kurbeln. Steinfelder. Wir knobeln im Uphillmodus die eine oder andere Stelle aus, doch die Körperspannung ist nicht mehr da: Wir sind einfach zu müde. Da helfen auch die Müsliriegel nicht mehr viel und wir sparen uns die Versuche immer öfter. Schade, wären wir fitter, würde der Trail funktionieren. Hier und da rollt es, wir müssen aber immer wieder absteigen und schieben. Große runde Felsblöcke laden dazu ein, sie hochzurollen bzw. zu springen und hinten abzurollen. Das kostet Kraft, die kaum noch da ist.

25km pumptrack

Völlig übermüdet, eingestaubt und durstig erreichen wir den Bus im Sonnenuntergang: Wir waren über zehn Stunden unterwegs und haben gerade mal etwas über 25km gemacht. Das ist eine Ansage! Unser Fazit: Wir sehen das als Sportprogramm. Für die anstehen Touren müssen wir diese Erkenntnis nutzen: Lange Strecke auf geringe Höhendifferenz verteilt kann auch anders laufen! Die Täler in diesem Südamerika können ihre Tücken haben.

Wir packen alles zügig zusammen, verlassen das Tal gen Westen auf der wohl staubigsten Dirtroad des Trips bis jetzt und schlagen unser Camp an einem Fluss auf. Gute Nacht Cerro el Torro, hallo Muskelkater.