Die Genehmigung für die Genehmigung

Der große Geköpfte – so lautet die Übersetzung für einen der beiden Berge unseres Projektes. Zwei Vulkangipfel, der eine fast 4000 Meter hoch, der andere fast 3800 Meter. Beide liegen nebeneinander in einer kilometerweiten Vulkanlandschaft, die wohl von einem gewaltigen Ausbruch mit fast schneeweißen Gesteinskörnchen überzogen wurde – vermutlich Basalt? Ganze Bergketten im Umkreis sehen aus, als wären sie eingeschneit. Dazwischen funkeln tiefblaue Berg- und Kraterseen – klingt verlockend für eine Biketour!

Eine marode Brücke liegt vor uns; eine Leitplanke steht vor uns – aber nicht längs zur Fahrtrichtung, sondern quer! Kurios! Offensichtlich soll hier nicht mehr durchgefahren werden. Allerdings wurde keines unserer drei Navigationsprogramme davon in Kenntnis gesetzt. Zudem zeigt sich jetzt noch die Wächterin der Brücke: Eine sicher acht Zentimeter große Spinne. Die Botschaft ist klar, hier kommen wir nicht rein – also ab zur zweiten Straße, die in das besagte Tal führt. Auch das wird nix: Tor und Wachmann versperren den Weg. Ein kurzes Gespräch klärt uns auf: Das Tal gehört einer staatlichen Firma, die scheinbar Strom aus den umliegenden Gewässern erzeugt. Wir brauchen eine Genehmigung, um einzufahren – zu holen beim Hauptquartier 30 Kilometer talabwärts. Kurios! Es ist 19 Uhr, das wird heute nix mehr. Also Stellplatz in der Nähe gesucht, den Gipfel aus der Ferne in der Abendsonne und unter aufgehendem Vollmond bestaunt und auf den nächsten Tag gewartet.

Am nächsten Morgen an der Pforte des Hauptquartiers: Der Pförtner sagt, die Genehmigung müssen wir per Mail beantragen. Nach etwas Drängen ruft er schließlich den Zuständigen für die Genehmigung an. Das ist der Chef dieser Region persönlich: Eine Genehmigung dauert normal eine Woche, aber er könne sich vorstellen, dass wir sie jetzt brauchen, da wir schon da stehen. Wir sollen ihm eine Mail mit all unseren Daten, der geplanten Route und unserer Bergerfahrung schicken; er ist noch bis 12 Uhr da und würde sich heute noch darum kümmern. Es ist Freitag, 10 Uhr – in Windeseile tippen wir die Mail runter und glauben nicht so recht an eine Antwort vor Montag. Aber tatsächlich, um kurz nach 11 trudelt die Genehmigung per Mail ein. Also ab zum Tor! Der Wachmann am Tor gewährt uns aber keinen Einlass – wir brauchen noch eine Genehmigung von der Polizei. Kurios!

Die Polizei befindet sich 5 Kilometer talaufwärts. Hier müssen wir erneut alle Daten in ein Formular eintragen – in zweifacher Ausführung. Die Polizei scheint keinen Kopierer zu besitzen. Kurios! Mit dem abgestempelten Formular der Polizei also zurück zum Wachmann am Tor. Wir dürfen durch! Wir bekommen noch einen Schlüssel für ein weiteres Tor. Ob es bei dem ganzen Organisationsaufwand funktionierende Trails am Berg gibt?

Der Durch-den-Vulkan-See

Wir fahren zum Stausee am Talende. Die Landschaft ist traumhaft und wild: gute 2500 Meter ragt einer der beiden Gipfel über den See hinaus. Wir genießen die Szenerie und machen eine Pastaparty. Grundlage anessen, denn wir werden gleich den ersten Teil unserer Tour mit Zelt, Proviant und vollem Gepäck zurücklegen und am Berg übernachten. 26,5 Kilo pro Person – die Aktion ist unter anderem auch Probelauf für später folgende, noch größere Touren. Aber auch unsere jetzige Stichtour ist ohne Übernachtung kaum zu bewältigen: rund 2500 Höhenmeter, verteilt auf etwa 25 Kilometer Strecke – davon vermutlich 18 Kilometer tragenderweise. Plus Option auf den zweiten Gipfel, das sind zusätzlich 900 Höhenmeter und neun Kilometer.

Unser Plan: 600 Höhenmeter und etwa sechs Kilometer aufsteigen und an einem kleinen See zelten. Wir starten drei Stunden vor Sonnenuntergang, um der größten Hitze zu entgehen. Der Trail sieht erstaunlich benutzt aus – kaum zu glauben bei dem Genehmigungsprozedere. Der Trail führt über erkaltete, schwarze Lavaströme und wechselt kurz darauf in Steppenhänge. Der Boden wird sandig und weich – fast schon zu weich hat man das Gefühl. Eine kurze Rollprobe zeigt aber, dass es gehen sollte. Vor gewaltiger Bergkulisse schleppen wir uns dem Hochtal entgegen, in dem der See liegt. Dieser See entstand kurioserweise durch einen kleinen, etwa 200 Meter hohen Vulkankegel, der mitten im Tal ausgebrochen ist und so das Tal verschlossen und den See aufgestaut hat. Die Natur findet manchmal wirklich eigenartige Wege. Wir finden auch einen eigenartigen Weg, denn wir haben inzwischen den See erreicht. Zum Herbst hin ist dieser fast ausgetrocknet und so kurbeln wir über den trockengelegten Grund des Sees. An dessen oberem Ende finden wir pünktlich zum Sonnenuntergang einen guten Zeltplatz. Zelt aufbauen, Abendessen in Form von Brot und Dosenfisch und Wasservorräte auffüllen. Komischerweise wirken See und Zubringerbach nicht wirklich sauber.

Leben und Tod

Der Mond erleuchtet unser Hochtal, als wir am nächsten Morgen mit leichtem Gepäck los marschieren – Zelt und Schlafsäcke lassen wir zurück. Der Trail ist gut im schwachen Schein der Stirnlampe erkennbar – genau wie frische Kuhscheiße und wenig später eine Kuhherde. Dicht gedrängt starren sie uns an und können wohl dank Stirnlampe nicht so recht realisieren, was hier los ist. Wir schlagen einen Umweg ein. Plötzlich stürmt die komplette Herde los! Zum Glück nicht in unsere Richtung, sondern fluchtartig talaufwärts. Wenig später sehen wir die Herde in der Morgendämmerung in einer Felswand herumklettern – wie Bergziegen steigen sie durch die Wand hoch. Sehr geländegängige Kühe hier, kurios!

Unser Trail zieht in eine steile Flanke und verläuft sich nach wenigen Metern. Aha, also sind die Kühe schuld, dass es bis jetzt einen Trail gab? Immer wieder gibt es Spuren, die sich verlaufen. Bei jedem Schritt rutschen wir jetzt einen dreiviertel Schritt zurück. Na bravo! Das kostet echt Körner – wir brauchen alle 30 Schritte eine Pause.

Endlich ist es geschafft! Wir sind auf dem 2500 Meter hohen Vulkanplateau angekommen – die Vegetationsgrenze liegt wie abgeschnitten unter uns. Wüste, wohin das Auge reicht: Bestehend aus Vulkankies in schwarz und weiß. Dazwischen schimmern die tiefblauen Seen. Eine kuriose Welt: Leben (Wasser) und Tod (Wüste) liegen so nah beisammen und trotzdem hat das Wasser keine Wirkung. Der Kies kann es offensichtlich nicht speichern. Vereinzelt kämpft das Leben dennoch ums Überleben: Es gibt tatsächlich Pflanzen, die es doch irgendwie schaffen, hier zu wachsen. Selten war eine Biketour für mich so eindeutig: Hier gehst du drauf, wenn ein grober Fehler passiert. Kein Handynetz, keine Bergrettung, Dutzende Kilometer von der Zivilisation entfernt, die Sonne brennt wie Feuer.

Ende Gelände heißt es hier für uns. Denn eine kurze Rollprobe zeigt: der Vulkankies ist so weich, dass man selbst bei etwa 20 Grad Hangneigung noch treten muss, um vorwärts zu kommen. Kurios! Gute 15 Kilometer wären es ab hier noch, etwa acht davon fast eben – keine Chance, hier noch etwas mit dem Bike zu erreichen. Zumal uns die letzten 600 Höhenmeter Aufstieg wegen des weichen Bodens schon über drei Stunden gekostet haben.

Die Abfahrt schiebung

Wir setzen zum Rückzug an – Abfahrt! Die weglose Flanke lässt sich gut absurfen und sorgt gleich für ein Grinsen im Gesicht. Dieses verfliegt aber genauso schnell, wie es gekommen ist. Der folgende, flache Bereich lässt sich nicht mal mehr treten, weil wir einfach zu tief einsinken. Bergab schieben – kurios!

Die Kuhherde ist die Felswand mittlerweile wieder abgestiegen und steht etwa 200 Meter von unserer Abfahrtsspur entfernt. Vier Tiere nehmen unsere Verfolgung auf. Zu unserem Glück wird der Hang steiler und wir können ihnen davon fahren. Das war knapp!
Ein paar Meter rollen, ein paar Meter treten, ein paar Meter schieben – so sieht die Abfahrt bis zum Zeltplatz am See aus. Wie die kurze Rollprobe im Aufstieg nur so täuschen konnte? Ob man das überhaupt noch Abfahrt nennen kann? Zelt einpacken und weiter geht’ s. Wir sind echt platt und wollen nur noch runter. Unterhalb des Sees das gleiche Bild: Ein Mix aus rollen, treten und schieben. Wenigstens ist der Rollanteil nun deutlich großer. Völlig platt kommen wir am frühen Nachmittag am Auto an und sind froh, die Abfahrtstortur überstanden zu haben.

Das war wahrlich eine Tour der Extreme: Eine der wohl eindrucksvollsten Landschaften, die wir erleben durften, auch wenn wir nur den Rand gestreift haben. Eine der schlimmsten Abfahrten, die wir in unserem Bikeleben verbuchen können. Kuriose Kombination!

Wir packen ein, geben den Schlüssel ab und steuern mit viel Vorfreude dem nächsten Projekt entgegen: Es wird endlich in die richtig hohen Berge gehen und das hoffentlich auf festen Trails! Die Fahrt über einen Pass nach Argentinien hat landschaftlich einiges zu bieten und wird nach den Strapazen zum wohltuenden Genuss.

Wer sich wundert, dass bei dieser Tour keine eindeutigen Bergnamen stehen, dem sei gesagt: mit Bike lohnt sich das nicht! Beim Erfragen der Genehmigung haben wir nicht erwähnt, dass wir Bikes dabei haben. Es scheint hier zwar kein Gesetz zu geben, welches das Fahren auf Trails verbietet – trotzdem ist es fraglich, ob wir die Genehmigung erhalten hätten. Es wäre sicherlich die kurioseste Anfrage an Wasserfirma und Polizei gewesen!

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