Spektakuläre Pässe und Berge

Blitze im Fünfsekundentakt zucken über unseren Köpfen in den Wolken umher. Hin und wieder schlägt einer in den Felswänden der umliegenden Berge ein. Der wetterbedingte Abbruch der letzten Tour am Cerro de Plata stellt sich doch als sehr vernünftig heraus – egal, wie viele Zentimeter es letztendlich schneit.

Ein paar Stunden zuvor: Wir cruisen bei bestem Wetter gemächlich durch tiefe Schluchten. Entstanden in Millionen Jahren Erdgeschichte. Senkrecht stehende Gesteinsschichten erzeugen ein bizarres Landschaftsbild. Mächtige Erdrutsche und Überschwemmungen vergangener Jahrtausende haben die Täler mit Sedimenten gefüllt. Die heutigen Flüsse fräsen sich mit jedem der raren Regenfälle in der Halbwüste ein paar Zentimeter tiefer ins Sediment. Die alte Bahnlinie vergangener Zeiten ist davon nicht ausgenommen. Brücken werden weggespült, die alten Gleise geben nicht auf und baumeln in der Luft. Hängen sie etwa am Siemens-Lufthaken? Etwa alle 50 Kilometer gibt es halb verfallene Bahnhöfe und Stationen mitten im Nirgendwo. Wer hier wohl ein- und aussteigen wollte? Verfolgt man den Verlauf der Bahnlinie über Pässe mit 3000 Metern Höhe und mehr, so war diese Route wahrlich nicht einfach zu unterhalten: Die Gleise sind oft metertief unter Geröll und Schutt begraben, Felsblöcke in Wagongröße haben Lawinenschutztunnel zerstört, Sturzbäche ganze Brücken hinweg gefegt. Trotzdem oder gerade deshalb war diese Bahnlinie über hunderte von Kilometern durch die Berge eine Pionierleistung. Eine Fahrt mit dieser Schmalspurbahn muss den schweizer Glacierexpress um Längen in den Schatten gestellt haben.
An unserer Straße finden wir immer wieder merkwürdige Opferstände und Gräber, die teils meterhoch mit gefüllten Wasserflaschen garniert sind. Was das für ein Brauch sein mag?

Auf dem Weg im Chaos
Auf dem Weg im Chaos

Dann der zackige Wetterumschwung: Düstere Wolken brauen sich über den umliegenden Viertausendern zusammen. Endzeitstimmung breitet sich aus. Wer jetzt denkt, die Fotos der Endzeitstimmung seien nachbearbeitet, der hat Recht. Aber sie sind nicht abgedunkelt, sondern aufgehellt! Eine düsterere Suppe über meinem Kopf habe ich noch nicht erlebt. Inmitten des Gewitters finden wir einen schönen Stellplatz, um das Spektakel zu beobachten.

Der Höchste = der Besucherunfreundlichste?

Die Vorwarnung im Internet gab es schon: Bikeverbot am Aconcagua, mit 6962 Metern der höchste Berg Südamerikas und gleichzeitig der höchste Berg außerhalb Asiens. Unser Weg nach Santiago führt uns direkt am Zustieg des Aconcaguas vorbei. Fragen kann man ja mal! Die Sache hat nur einen Haken: Für den Einlass in den Nationalpark und die Besteigung braucht man eine Genehmigung. Zu holen in der etwa 240 Kilometer entfernten Stadt Mendoza. Kostenpunkt: je nach Saison zwischen 700 und 900 US$! Diese Kombination klingt zu wenig verlockend, um sie durchzuführen. Chancen rechnen wir uns sowieso keine aus und so fahren wir direkt zum Eingang des Nationalparks – erst mal die Ranger fragen. Die Antwort fällt eindeutig aus: nein!

Für umgerechnet etwa zwei Euro darf man aber die fast zwei Kilometer lange Touristenrunde im Park zu Fuß machen. Aber ja nicht die Wege verlassen! Wir gönnen uns dieses Spektakel und sind begeistert von dem mächtigen Massiv, das sich etwa 20 Kilometer weiter hinten im Tal auftürmt. Die Schneelage macht schließlich die letzten Träume einer Befahrung zunichte.

Also weiter. Die Grenze nach Chile rückt näher. Zur Auswahl stehen: ein kilometerlanger Tunnel oder die alte Passstraße gut 700 Meter über dem Tunnel. Wir entscheiden uns für den Pass – der verspricht Panorama und Abenteuer! Auf 3850 Meter führt uns die Passstraße, die weiter oben eigentlich nur noch ein einspuriger Feldweg ist. Unser Auto schlägt sich gut, allerdings sind manche Abschnitte nur noch im ersten Gang möglich. Auf der chilenischen Seite des Passes: sicher 80 Serpentinen, die sich eng an den Hang schmiegen. Aber wo ist eigentlich die Zollstation? Vermutlich unten im Tal, wo die Straßen wieder zusammenführen. Nein, ist sie nicht! Dann weiter talabwärts? Aber wo ist die argentinische Station zum Ausreisen? Gibt es die nur an der Straße mit Tunnel? Sind wir da schon vorbei? Wir fahren weiter das Tal hinab, um nachzuschauen und stoßen auch gleich auf die chilenische Station. Mist, jetzt sind wir nicht aus Argentinien ausgereist. Das gibt Probleme mit dem Zoll, wenn wir wieder zurück über die Grenze kommen.

Wir erklären der Zollbeamtin unser Problem. Sie schüttelt nur den Kopf und schickt uns zurück nach Argentinien. Also zurück, dieses Mal durch den Tunnel. In der argentinischen Zollstation sitzt nur ein Polizist, der uns zurück nach Chile schickt: das sei ein „Sistema Integrale“ und würde beides in Chile abgewickeln. Na toll, da hat uns die chilenische Beamtin umsonst zurückgeschickt und kennt ihr eigens System nicht. Wieder in Chile, benutzen wir einen anderen Schalter und siehe da: Alles klappt problemlos.

Großstadt und Verbote

Am frühen Abend erreichen wir Santiago de Chile und platzen voll in die Rushhour rein. Das halbe Straßensystem wird währenddessen geändert: Straßen sind nur noch in eine Richtung befahrbar, Kreuzungen werden gesperrt und trotzdem oder gerade deshalb steht irgendwie alles. Das Navigationssystem spielt verrückt und kennt die zeitbedingten Änderungen im Verkehr nicht. Nach fast zweieinhalb Stunden im Chaos sind wir endlich bei Basti, einem Freund von Lev. Wir gehen essen und stolpern in eine große Demo. Aha, heute ist Weltfrauentag und dadurch ist die Stadt gleich doppelt lahmgelegt. Wir haben scheinbar ein Händchen dafür, ins Chaos zu geraten.
Essen gibt’s im Alma Aleman (Deutscher Geist) – deutsch ist da aber nix außer dem Wappen an der Wand. Anschließend decken wir uns mit einem Bierchen ein und chillen im Park und sitzen dabei das erste Mal seit Reisebeginn wieder auf Wiese! Im Park tummelt sich das Leben: Zig Skater bevölkern einen unglaublich großen Skatepark, zig Polizisten patrouillieren umher und verscheuchen uns – Bier trinken in der Öffentlichkeit verboten. Spielverderber!

Wir fahren zum Stadtrand, Tourbeginn für die morgige Tour auf einen Aussichtsberg direkt über Santiago, 2750 Meter hoch. Kaum erreichen wir den Stadtrand, stehen sie da: Hinweisschilder auf einen privaten Park. Aber es soll Mountainbiketrails geben. Vielleicht wird es ja doch was.
Es wird nix: Am Start des Trails steht ein Kassenhäuschen, Trails befahren streng verboten. Wir können aber auf den Feldwegen biken. War irgendwie klar.

Der Tag wird zum Orgatag: Wir beantragen unseren Permit per Mail beim DIFROL, das sich auch in Santiago befindet. Ohne telefonische Bestätigung, dass die Mail angekommen ist und alles passt, verlassen wir Santiago nicht! Scheint aber zu passen. Wie wir dabei erfahren, braucht man übrigens für jeden Grenzberg, den man von Chile aus besteigen will, ein Permit vom DIFROL! Die spinnen, die Chilenen.

Außerdem „schwälbeln“ unsere Maxxis Hinterradreifen am Auto und verlieren massig Stollen (für alle Nicht-Biker: Schwalbe ist ein Fahrradreifenproduzent, dessen Reifen dafür bekannt sind, dass innerhalb kürzester Zeit die Stollen ausreißen). Da unsere Reifengröße nicht sehr gängig ist, macht es Sinn, diese in einer Großstadt wie Santiago zu suchen. Im vierten Laden haben wir Glück und finden was geländetaugliches, das wir auf Reserve kaufen. Aufziehen geht ja überall.

Genug Großstadtchaos, nichts wie weg hier: Wieder zurück nach Argentinien – dort wären uns dann fast die neuen Reifen an der Grenze abgenommen worden. Der Zoll drückt netterweise ein Auge zu. Vorbei am Aconcagua und einem Gefängnis, das nach und nach von den Sedimenten einer Quelle überzogen wird. Dann Richtung Norden immer weiter in die Wüste, bis wir uns einen Schlafplatz in einer Gegend sichern, die viele Biker der ersten Stunde in Kranked-Bikefilmen wiedererkennen würden. Möge der Spaß am nächsten Morgen beginnen!

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