Pläne schmieden, unser Mögliches abwägen

Hinter uns liegt mal wieder ein Orga- und Reisetag zurück: Einkaufen, WiFi Spot aufsuchen und gut Strecke zurücklegen. Spät abends fahren wir im ersten Gang eine Schotterpiste rauf. Unser heutiges Ziel liegt auf 3000m Höhe und ist der Ausgangspunkt zum Cerro de Plata: 5961m hoch, teils vergletschert und umgeben von sich hochtürmenden Nebengipfeln mit senkrecht abfallenden Wänden. Am Fuß des Berges liegt ein ca. 20km langer See. Ein starkes Pano ist garantiert! Hätten wir einen Tramper an der Schotterpiste nicht aufgesammelt, wären wir an der Bergwacht eiskalt vorbeigefahren. Hier müssen wir uns registrieren und bekommen jeweils einen nummerierten Beutel für unsere Kacke. Beim Check-Out aus dem Reservat muss dieser wieder hier abgegeben werden. Don’t shit where you eat!

Wir parken am Ende der Schotterpiste und wollen uns zügig noch was zu essen machen, denn es geht bereits auf Mitternacht zu. Unsere Küche können wir aber nicht nutzen: Die Gasflasche ist leer, verdammt! Kurzer Hand greifen wir auf unseren Camping Kocher zurück. Während wir kochen und essen, bietet uns eine äußerst aktive Gewitterzelle im Tal eine spektakuläre Unterhaltung. Bevor es ins Bett geht, schmieden wir noch einen Plan für die kommenden Tage. Es wird mehr Geschleppe werden, als bei der letzten Zweitagestour: Wir brauchen unsere dicken Schlafsäcke für Minustemperaturen, ebenso mehr warme Klamotten und mehr Proviant – wir werden über zwei Tage für den Gipfel brauchen. Die Überlegung, uns Träger zu organisieren ist da. Wir entscheiden uns für einen etwas anderen Versuch. Vier Tage: Am ersten Tag steigen wir mit dem Zelt und dem Proviant für den Gipfeltag zu. Lassen das Ganze im Basiscamp zurück und steigen weiter auf, um uns etwas zu akklimatisieren und fahren anschließend wieder ins Tal ab. Der zweite Tag ist ein Ruhetag und wir können ins Tal fahren um unsere Gasflasche aufzufüllen. Am dritten Tag würden wir mit der zweiten Hälfte des Materials – Schlafsäcke, Isomatte, etc. zusteigen und am Basislager auf 4300m übernachten. Der vierte und letzte Tag ist der Gipfeltag, an dem wir dann mit dem gesamten Equipment komplett ins Tal abfahren. Der Wettercheck sagt für unseren Zeitplan: Schnee am dritten Tag: 2cm im Basislager, 17cm am Gipfel. Die Sonne knallt hier ordentlich, könnte also trotz Niederschlag funktionieren. Ob wir das schaffen, einen fast 6000er mit der Herangehensweise zu erklimmen, gilt es herauszufinden. Ab morgen.

Tag 1: Knapp dem Eiskratzen entgangen

Der nächste Morgen: Es hat mächtig aufgefrischt. Unsere dünnen Schlafsäcke sind auf 3000m Höhe im Bus nun am Limit. Nachts gab es etwas Niederschlag und der Bus ist angezuckert – sowie die Felswände um uns, die man in der Wolkensuppe zumindest erahnen kann. Es ist kalt. Beim Packen des Autos in Deutschland haben wir die richtige Entscheidung getroffen: Lassen wir mal den Eiskratzer im Handschuhfach.

Wir packen unsere Rucksäcke und stiefeln los. Wieder sind es rund 26kg pro Person. Bis zum Basislager sind es 1300 Höhenmeter – könnte sportlich werden. Es zeigt sich jedoch, dass der Weg sehr gut eingelaufen ist. Wir können viele Abschnitte schieben, den flachen Teil sogar kurbeln. Es gibt Wegweiser und Schilder mit Höhenangaben – ein Novum auf unserer Reise! Der Trail wird verblockter, das Tragen effizienter. Wir kommen gut vorwärts und verlassen die Vegetationsgrenze. Der Weg verläuft über einen Grat und der Schulterblick bietet mit jedem weiteren Höhenmeter ein abgefahrenes Panorama: Man kann über das gesamte Tal herunterblicken, bis zu dem See ganz unten. Vor uns türmen sich die Felswände der Nachbargipfel. Hier schmilzt die Zuckerschicht der letzten Nacht nicht mehr so schnell weg. Gute viereinhalb Stunden haben wir für die 1300 Höhenmeter bis zu unserem Basislager gebraucht, die Höhe und die Last machen sich bemerkbar. Letztere packen wir aus unseren Rucksäcken aus, tüddeln alles zusammen und suchen ein gutes Versteck für das Zelt und den Proviant.

Wir machen Mittag und entscheiden uns weiter aufzusteigen: Wir haben noch etwas Zeit in petto und der Akklimatisierung schadet es nicht. Schließlich ist das unser erster richtig hoher Berg auf diesem Trip. In vielen engen Kurven windet sich der Trail weiter hinauf mit einer angenehmen Steigung. Wir freuen uns riesig auf die Abfahrt. Die unterschiedlichen Gesteinsfarben, blaue Gletscher, weiße Schneefelder – das alles mit einer Weite und Tiefe kombiniert, die ich bis dato noch nicht erleben durfte. Kann man schon mal machen! Der Trail wird flacher und wir können den weiteren Verlauf gut erkennen: Man macht etwas mehr Strecke, bevor es dann auf den Grat geht, der auf 4800m liegt. Wir entscheiden uns, es hier gut sein zu lassen. 1650 Höhenmeter Abfahrt liegen vor uns, unzählige Kurven und mordsmäßiger Grip auf dem Festgetretenem Trail: Yeah!

Wir rollen rein in die Abfahrt. Keine 15m, schon geht’s aufs Vorderrad. Wie es aussieht, können wir in jeder Kurve mit dem Hinterbau wedeln: stimmt! Und so geht es die ersten paar hundert Höhenmeter bergab. Manch eine Kurve lässt sich auch schön auf beiden Rädern durchrollen: Könnte man als Pause ansehen. Und wieder: aufs Vorderrad und einlenken. Spaß. Flow. Basislager. Nach einem kurzen Schnack mit anderen Bergsteigern setzen wir die Wedelei über die Gletschermoräne fort und lassen unser Gepäck bis übermorgen zurück. Hoffentlich müssen wir unser Zelt nicht aus dem Schnee ausgraben. Die Sonne versteckt sich hinter Wolken und trotzdem wird es warm, sodass wir Schichten ablegen müssen.

Wir verlassen die Moräne und den Schotter und wechseln in die Graslandschaft. Der Trail wird weniger kurvig und wir können es laufen lassen. Die herumliegenden Blöcke laden zum Spielen ein und wir nehmen die Einladung dankend an. Es geht zügig dem Tal entgegen und wir kommen in der Dämmerung am Bus an: alles nach Plan. Wir packen ein und fahren weiter ins Tal, um der Kälte in der Nacht zu entgehen und der Stadt morgen näher zu sein.

Tag 2: Ruhetag?

Heute ist unser Ruhetag und wir verlassen unser Camp am ausgetrocknetem Fluss in Richtung Stadt. Auf dem Weg dahin fahren wir an einer Raffinerieanlage vorbei, die fehl am Platze zu sein scheint. Auf eine besondere Weise bildet unser Berg zusammen mit der Anlage ein bizarres Bild.

Unsere Ziele in der Stadt sind klar: Tanken, Einkaufen und die Gasflasche auffüllen. Auf die Gasfüllung müssen wir leider bis mittags warten. Nun gut, dann ist das halt so. Während wir die Seele am Park baumeln lassen, checken wir noch mal den Wetterbericht. Oha! Das könnte ungemütlich werden: Von 2cm im Basislager ist nichts mehr zu sehen. Von den 17cm am Gipfel genau so wenig. Es sind nun über den morgigen Tag aufsummiert für das Basislager 22cm und für den Gipfel über 40cm Schnee gemeldet. Sollten wir unserem Zeitplan treu bleiben, werden wir das Zelt tatsächlich aus dem Schnee ausgraben, sofern wir es überhaupt finden. Wir haben beim Aufstieg gesehen, dass auf der Höhe, trotz der brennenden Sonne, der Schnee kaum schmilzt. Abfahren bei 40cm Neuschnee? Never! Den Gipfel werden wir bei der Vorhersage auf keinen Fall erreichen. Zwei bis drei Tage warten, bis der Schnee geschmolzen ist: zu unsicher. Der Wind nimmt zudem stark zu und würde auf 90km/h steigen. Rationale Entscheidung bei einem Espresso: Planänderung. Ruhetag ist gestrichen. Zelt aus dem Basislager abholen. Wir packen die volle Gasflasche ein, trödeln nicht weiter herum und fahren wieder zum Ausgangspunkt.

Déjà-vu

Es ist 14 Uhr, als wir die Bikes auf die halbleeren Rucksäcke hieven. Man merkt den gestrigen Tag. Die Sonne brennt. Den Weg kennen wir bereits. Wir haben sechs Stunden Zeit für den Aufstieg und die Abfahrt. Wir machen unterwegs zwei Pausen und laufen steten Schrittes die gestrige Strecke bis zum Basislager in unter drei Stunden! Das haben wir selber nicht erwartet, und das auf der Höhe. Wieviel doch das Extragewicht, die Fotopausen und die Akklimatisierung ausmachen. Oben am Basislager gemischte Gefühle: Der Gipfel bleibt uns (mal wieder) verwehrt. Allerdings liegt eine starke Abfahrt vor uns und diesmal im wundervollen Abendlicht. Etwas Kuriosität schleift sich in den heutigen Tag auch ein: Ich bin noch nie mit mehr Proviant in die Abfahrt rein, als in den Aufstieg. Nun gut, das Hinterradversetzen haben wir gestern geübt. Wir holen unsere Bagage ab, verstauen alles in den Rucksäcken und los geht’s!

Übung macht den Meister und wir wedeln wieder der Abfahrt entgegen. Ich als Wahl-Hannoveraner ohne nennenswertes Gefälle daheim profitiere enorm vom gestrigen Tag und der Körper erinnert sich schneller an die alpine Vergangenheit, als ich es erwartet hätte. Immer mehr Kurven sitzen immer sicherer. Stark! Das Extragewicht im Rucksack ist vergessen. Flo kostet jede Kurve bis zum äußersten aus und wir haben beide einen unglaublichen Spaß. Das Abendlicht schafft neue Farben und bietet ein kontrastreiches Schattenspiel. Unglaubliche Szenerie! Unten raus überholt uns der Schatten des Bergs: keine Chance dranzubleiben. Wir spielen mal wieder mit den größeren Böllern in der Abfahrt und erreichen gegen 19 Uhr unseren Bus. Wir finden einen schönen Stellplatz unten im Tal am rauschenden Bach und lassen den vermeintlichen Ruhetag ausklingen. Leider konnten wir nicht herausfinden, ob wir es geschafft hätten, mit unserer Material-Shuttle-Technik einen Berg ohne Träger zu erklimmen. Es fühlte sich aber nach einer nicht wirklich falschen Herangehensweise an und das ist schon mal etwas. Auch wenn wir jetzt einen Trail doppelt gefahren sind: Es hat richtig Spaß gemacht!

Vorweggenommen: Der nächste Tag verlief wettertechnisch gesehen ruhig und wir konnten bis Mittag keine einzige Wolke über den Bergen beobachten. Fast haben wir uns geärgert, uns auf den Wetterbericht verlassen zu haben. Wir sind derweil gute 50km weiter nördlich gefahren. Gegen Nachmittag haben sich binnen weniger Minuten dichte Wolken aufgebraut und eine düstere Stimmung lag über uns. Was danach folgte, zeigte uns, dass wir doch richtig lagen, diese Nacht nicht auf dem Berg verbringen zu wollen:

Anmerkung:

Sollte sich jemand wundern, dass auf den Bildern der PeakRider nicht mehr zu sehen ist: Mir ist der PeakRider Cone gerissen. Offensichtlich hat der Prototyp einen Material- oder Nahtfehler gehabt und hat unseren extremen Testbedingungen nicht standgehalten. Bei den nächsten Touren werde ich wohl leider auf den PeakRider verzichten müssen. Nach Rücksprache mit den Jungs von PeakRider, heißt es, dass diese Schwachstelle bereits bekannt sei. In der Serie ist die Naht und das Material des Cones verstärkt. Wir werden in der nächsten Stadt versuchen, den Cone mit einem stärkeren Faden reparieren zu lassen.

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