Stoked?

Der letzte Reise Tag endete, wie die meisten, mit einer Stellplatzsuche im Dunkeln. Von der uns umgebenden Landschaft sieht man nahezu garnichts und so sind wir gespannt, was für eine Überraschung uns am nächsten Morgen erwartet. Das einzige, was wir mit unserer Außenbeleuchtung erkennen können, sind die Ausläufer von Lehmformationen. Die letzten Tage haben wir überwiegend im Auto auf der Straße verbracht oder haben Sachen vorbereitet und organisiert. Von dem nächsten Tag erhoffen wir uns einen entspannten Vormittag in einer Kranked Area. Wer kennt das nicht? Der Name der ersten abfahrtsorientierten Mountainbike Videos prägt eine Landschaft, die wohl vor tausenden Jahren noch der Grund eines Sees gewesen ist. Wir hoffen auf einen Volltreffer wie vor einigen Jahren in Kappadokien in der Türkei. Solche ausgespülten Hänge laden ein zu flowigen Abfahrten mit ordentlich Tempo. Wenn der Shape passt, kann man unzählige Wallrides hinlegen. Am Ende einer solchen langen natürlichen Halfpipe wird man mit Karacho herausgespuckt. Die Silhouetten um uns herum sehen jedenfalls vielversprechend aus.

Am nächsten Morgen die Überraschung: Westlich von uns breitet sich über die gesamte Blickweite eine Bergkette aus, aus der mehrere weiße Gipfel hervorschauen. Es dauert einige Minuten, bis man sich satt gesehen hat. Vor dem Frühstück läuft Flo direkt eine der Lehmformationen hoch: Könnte funktionieren. Der Boden ist aber relativ hart, die Hänge fallen steil ab. Fahrfehler zu korrigieren wird schwierig. Wir müssen es auf einen Versuch ankommen lassen und Obacht geben. Daraus wird nix. Wir bekommen während und nach dem Frühstück zwei Mal Besuch. Offensichtlich stehen wir neben der Zufahrt zu einem Mineralabbaugebiet. Keiner ist uns böse gesonnen oder hat uns gebeten, wegzufahren. Doch neue Lines in einem aktiven Steinbruch suchen? Vielleicht ein anderes Mal.

Wenige Kilometer weiter nördlich nehmen wir eine zufällige Dirtroad nach Osten: Bingo! Keine 1,5km weit fahren wir in den zerklüfteten Canyon und es eröffnet sich uns ein Areal mit Kappadokien-ähnlichen Hängen. Hier sind die Lehmformationen schon wesentlich weicher, allerdings immer noch recht steil. Bike aufgebaut, hochgeschoben und ausprobiert: Nach ein paar Versuchen kennt man das Gelände etwas besser und es lässt sich präziser lenken. Man muss wissen, dass sich die Räder doch in den Boden eingraben, wenn man das Gewicht nicht mittig auf dem Rad verteilt. Wir laufen weiter in den Canyon rein und probieren den ein oder anderen Grat der Lehmformationen aus. Ein Flow aus kombinierten Wallrides kommt nicht auf: Die Hänge laufen zu spitz unten zusammen, es liegt zu viel grobes Material im Auslauf. Wir begnügen uns mit dem Nervenkitzel, den Grat abzufahren, während links und rechts losgelöste Steine metertief den Hang herunterkullern.

Wir schauen um die Ecke und laufen weitere Lines ab – und werden fündig: Ein von Natur perfekt geformter Kicker gefolgt von einem langen, sauberen Wallride aus Fels – drop-in only! Es braucht ein paar Anläufe, bis man die Idee des Trailbauers umsetzen kann aber dann gibt’s den erwarteten Flow und Airtime. Genug für den Vormittag: Die Sonne hängt direkt über uns und selbst der Wind legt eine Siesta ein. Das heruntergekurbelte Fenster sorgt für einen kühlen Fahrtwind und wir sind wieder auf der Straße.

Auf dem Weg nach Ischigualasto

Der nächste Stop liegt hinter einem durchaus attraktiven Pass auf einer Hochebene und heißt Parque Provincial Ischigualasto. Wir haben es nicht erwartet, dort mit den Bikes die Hänge abfahren zu können oder grandiose Singletrails zu finden. Der Blick in die Tiefebene ist eine Augenweide – die bis zum Horizont reicht. Die Tiefebende bilden krass abgeschnittene Hänge, die mehrere hundert Kilometer lang zu sein scheinen. Die Rücken der Hänge sind leicht abfallend, bis es an einer astreinen Drop Kante mehrere Hundertmeter tief in die Ebene geht. Einmalige Kulisse. Wir fragen nach: Der Zutritt geht ausschließlich mit einem Guide, wenn man den Park zu Fuß oder mit dem Bike erkunden möchte. Die Zufahrt ist nur stündlich in einer Kolone mit anderen Besuchern möglich. Einerseits ist es gut, dass die Natur an diesem Fleck so geschützt wird, alle Achtung. Andererseits ist es schade, da es uns komplett widerstrebt, angebunden zu sein. Wir suchen uns einen Stellplatz am trockenen Flussbett außerhalb des Parks.

Road trippin'...

Am nächsten Morgen entscheiden wir uns gegen den Gruppenbesuch des Parks und arbeiten uns weiter nach Norden vor. Der Kilometerzähler dreht sich stetig weiter. Eine klare Sicht durch die Täler gibt es nicht. Vermeintlicher Dunst hängt in der Luft, dabei ist es aufgewirbelter Sand, der mehrere hundert Meter hoch in der Luft steht – der Wind bläst hier sicher mit 50 bis 60 km/h durch. Vorbildlich asphaltierte Straßen, die zwischenzeitlich einfach weggespült worden sind, wechseln sich mit Dirtroads ab. Wir durchqueren mehre Flüsse. Teils ist nicht mal ein weiterer Straßenverlauf oder Reste der Straße zu sehen – sie hört vor dem 80m breiten Flussbett auf und geht danach ganz normal weiter. Erstaunlich, welchen Strapazen wir unseren Transit aussetzen. Ohne zu murren geht es weiter. Ortschaft: Tanken, Snack, weiter. Wir staunen immer wieder, woher in dieser kargen Landschaft überhaupt Wasser kommt. Klar, aus den Bergen, aber in der Menge? Dazu kommen grell grüne Pflanzen und blühende Blumen: im Sand! Es scheint hier wohl doch hin und wieder zu regnen.

Wir cruisen durch die Täler und fahren auf unter 1000m, links und rechts versuchen wir die Höhe der Berge abzuschätzen: 2000m? 3000m? Die Weite der Täler ist trügerisch. Nur auf den dritten Blick erkennen wir, dass sich in den Wolken weitere Berge aufbauen. Die Schätzungen verdoppeln sich: Vor uns liegen die 6000er. Morgen soll es dann über den San Francisco Pass gehen: 4600m. Den 6000ern werden wir dann einen Besuch abstatten.

Die ganze Route an diesem Tag verlief immer wieder durch verschiedene Täler. Wäre einer von uns in diesem Moment in den Sekundenschlaf gefallen, hätte er den plötzlichen Übergang verpasst: Aus Weinreben und Wallnussbaumplantagen wechselt es abrupt in eine weiße Wüste. Tal zu Ende. Wir sind in der Wüste. Sand fliegt über den Asphalt hinweg, die Transe ebenfalls. Die Sonne ist bereits hinter den Bergen untergegangen und leuchtet die wenigen Linsenwolken von unten an. Wir haben unser Ziel für heute erreicht und suchen uns einen Stellplatz – hoffentlich brauchen wir die Sandbleche morgen nicht.

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