Vom Strand ins Land

Wir verlassen die surreale Landschaft des Salar de Uyuni und machen uns auf den Weg in Richtung Sajama Nationalpark. Da wir mittlerweile die Distanzen und Straßenzustände einschätzen können, ist es uns klar, dass wir die 600km an einem Tag unmöglich schaffen können. Unseren Zwischenstopp planen wir in der Großstadt Oruro ein. Wir müssen uns eh mal wieder mit Lebensmitteln für die kommenden Tage eindecken.

Farbenfrohe Landwirtschaft

Wir sind gut in der Zeit. Trotz Dirtroad kommen wir zügig voran. Linker Hand der Straße lenken uns mal wieder bizzare Felsformationen von der Straße ab, so entscheiden wir uns einen kleinen Umweg einzulegen und durch die Canyons und Felder zu fahren. Künstlich angelegte Wasserkanäle kreuzen immer wieder unseren Weg und wir fahren durch abwechslungsreiche Felder voll blühender Pflanzen. Von weiß über gelb, rot und lila bis hin zu schwarz: Hier scheint jeder Farbton vertreten zu sein – Quinoa! Da kommt ein Rapsfeld in Deutschland nicht dagegen an. Manche Felder blühen, andere werden gerade geerntet und die Pflanzen zum Trocknen aufgestapelt. Einmal beobachten wir auch, wie die Ernte verladen wird – und weiter geht es in Richtung Westen. Die Dirtroad spuckt uns irgendwann auf einer Hauptstraße raus, die in Richtung Oruro führt. Dort angekommen, fragen wir eine Frau auf der Straße nach einem großen Supermarkt. Sie beschreibt uns kurz den Weg und fügt hinzu: „Der hat heute aber sicher geschlossen, es ist doch Karfreitag“. Verdammt – unser Zeitgefühl hat sich ziemlich reduziert. Wir schaffen es immer wieder, die Großstädte genau dann anzusteuern, wenn Chaos herrscht. Das dauert auch hier nicht lang: Ein paar Minuten später läuft uns die riesige Osterprozession um die Ohren. Wir entscheiden uns on the road bei den Straßenhändlern zu shoppen. Kurz hinter Oruro nach einer merkwürdig aufgebauten Militärstation mit zu vielen Flutern und Soldaten fahren wir auf einen Hügel und schlagen dort unser Lager auf – die Hälfte der Strecke zum Sajama hätten wir.

Am nächsten Tag fahren wir durch einige Ortschaften durch, auch hier finden wir keinen vernünftigen Tourenproviant in Form von Riegeln oder ähnlichem – wie erwartet. Wir greifen auf alt bewährtes zurück: Brot, Käse, Eier. Auf der buckeligen Straße begegnen uns ausschließlich LKWs. Hier ist das Land dünn besiedelt. Ungewohnte Reisegeschwindigkeit von 100 km/h lässt die Reste der Salzkruste vom Salar de Uyuni abblättern. Viele Kurven und Hügel später zeigt er sich, wächst in einer Kurve zu einer übergroßen weißen Pin-Nadel heran: Der Sajama. Auf einem Hochplateau von 4200m steht der vergletscherte Vulkan mit 6542m – der höchste Berg Boliviens. Dabei erscheint er gar nicht so hoch. Wir erinnern uns bewusst daran, dass wir gerade selber auf 4400m höhe parken: Crazy Shit, der ist wirklich hoch! Die Schneehaube reicht weit herunter – weiter, als wir angenommen haben und es uns lieb ist. Die Gletschergrenze sollte eigentlich auf ca. 5900m zu liegen. Die umliegenden 5000er scheinen schon fast mickrig, gegen deren großen Bruder.

Die Straße zum Eingang des Nationalparks und zu dem Zustieg zum Berg verläuft einmal komplett südlich herum. Bis wir also an der westlichen Seite des Berges ankommen, haben wir einen schönen Wegbegleiter.

Sonntags hat auch der Pförtner frei

…und so können wir einfach hereinfahren. Keiner interessiert sich für uns und auch in dem Dorf Sajama scheint nicht viel los zu sein. Da wir morgen früh starten werden, schauen wir uns heute noch den Zustieg an: Es gibt so etwas wie einen Parkplatz und der Trail scheint eingelaufen zu sein. Das haben wir schon oft anders erlebt. Den Rest des Tages verbringen wir auf der auf der anderen Talseite an den heißen Quellen. Praktisch, wenn das Wasser kochend heiß aus der Erde kommt: Wir sparen uns das Gas und hängen die Eier, die wir als Proviant mitnehmen möchten, kurzer Hand in einen Geysier. Wie multifunktional doch der PeakRider ist! Nachdem alle Vorbereitungen für die morgige Tour getroffen sind, wechseln wir wieder auf die andere Seite und schlagen unser Lager am Traileinstieg auf.

Auf los geht’s los

Kurz bevor die Sonne aufgegangen ist, sind wir schon auf dem Weg zum Sajama. Auf dem Weg zum Gipfel liegen zwei Basislager. Eigentlich war unser Ziel, das zweite Lager zu erreichen und von dort abzufahren. Das Zweite Lager liegt genau an der Gletschergrenze auf ca. 5900m. Daraus wird es heute aber nichts: Die Schneegrenze reicht wesentlich weiter herunter. Was wir heute fahrtechnisch rausholen können und wie hoch wir kommen, müssen wir vor Ort entscheiden.

Der Weg verläuft zunächst lange flach und schmal durch eine Ichu-Buschlandschaft auf sandigem Boden: das wird flowig! Neben Ichu wächst hier übrigens die am höchsten wachsende Baumart der Welt: Der Queñua Krüppelbaum. Botanik Stunde beendet. Das Tragen des Bikes wird bald obsolet und es lassen sich sogar einige Meter kurbeln – bis der Sand zu tief wird, also wird weitergeschoben. Einige Vicuñas ergreifen die Flucht vor uns und schauen anschließend unserem Treiben aus sicherer Entfernung zu. Die erste Pause machen wir am Basislager. Hier sind wir auf 4820m und haben bisher lediglich 400hm auf fast 5km gemacht. Wir genießen kurz die Aussicht. Der Blick zum Berg stellt eines ganz klar fest: Wir sind klein, er ist groß. Die Dimension ist gigantisch.

Der weitere Weg wird steiler, was wir sehr begrüßen. Wir arbeiten uns auf ein Plateau, an dem der Weg zwar wieder abflacht, dafür aber nach noch mehr Flow aussieht. Wir kommen der Schneegrenze näher: Kurz oberhalb des Kamms, auf dem der Weg zum zweiten Lager weiter verläuft. Es wird grob und steil, die ersten Stellen, an denen bergab etwas Arbeit nötig sein wird: sehr gut! Wir erreichen den Kamm: noch gute 200 Höhenmeter bis zum ersten geschlossenen Schneefeld. Dann wird es sich zeigen, was noch zu holen ist. Dort angekommen machen wir auch Rast. Das GPS erzählt etwas von 5500m, es wären also nur noch etwas über 400 Höhenmeter bis zum Basislager. Doch das alles auf Schnee? Wenn man hier abgeht, bremsen einen erst wieder die Felsen unten. Zur anderen Seite ist der Hang noch steiler. Wir machen eine Rollprobe: Oha, besser als gedacht! Wir beschließen, noch etwas weiter aufzusteigen, bis es zu steil zum Abfahren wird. Wir können noch weitere 150 Höhenmeter auf dem Schnee gut machen, dann wird es zu steil für eine sichere Abfahrt im Schnee.

What goes around, comes around…

…und wir bereiten uns auf die Abfahrt vor: Wir schnabulieren unsere Brote und die in den Geysiren gekochten Eier (perfektes Eigelb!), beschonern uns und ab geht’s! Es ist steil; es rollt, bremsen klappt aber nicht so gut. Gegenlenken funktioniert. Wir haben die volle Kontorolle, das fühlt sich gut an. Der Übergang vom weichen Schnee ins scharfe Gestein rumst ordentlich. Die 150 Höhenmeter durch den Schnee sind schnell vernichtet. Vor uns liegen mehrere Hundert Tiefenmeter S3 Techflow. Hier und da taucht eine S4 Passage auf und wir knobeln ein wenig. Wir haben mächtig Spaß! Der Trail verlässt den Kamm und flacht ab, das Niveau sinkt und wir werden schneller. Große lose Felsen sind tückisch, wir lassen es uns aber nicht nehmen, mit dem Gelände zu spielen.

Wir erreichen das zweite Hochplateau und feuern mit mächtig Druck auf den Seitenstollen dem Basislager entgegen. Die Blickführung ändert sich gravierend nach vorne, man muss aufpassen, dass man nicht vom Trail abkommt – solche Geschwindigkeiten sind wir nicht mehr gewohnt! Vorausschauend fahrend und dem Tal entgegenrauschend erreichen wir das Basislager. Kurze Pause, letztes Brot, Endspurt. Im Tal stehen die kleinen Brüder des Sajama, wir fahren ihnen zügig entgegen. Queñua Bäume links und rechts rauschen an uns vorbei, wir driften durch den sandigen Weg um Ichu Büsche herum – zack! Lamas. Ich fahre Flo fast auf, so stark haut er in die Eisen, trotz ausreichend Abstand. Mit gedrosselter Geschwindigkeit rollen wir an der Lamaherde vorbei und lassen es wieder laufen, bis das ausgetrocknete Bachbett uns wieder an der Transe ausspuckt.

Wir packen zusammen und wechseln die Talseite, um uns eine Portion Wellness in den Geysiren zu gönnen. In dem gut 40 °C warmen Wasser lassen wir uns einweichen. Der Sajama war ein voll erfolgreiches Projekt, mit allem dabei – so etwas sollte es öfter geben!