Der unmögliche Weg

Es ist ein Uhr nachts, der Wecker klingelt. Die drei Stunden Schlaf hätten wir uns auch sparen können, aber für’s Gewissen waren sie gut. Kurz ein Kaffee, dann warten wir auf unseren Fahrer, der pünktlich eine halbe Stunde zu spät kommt. Bikes auf den fetten Geländewagen laden und schon düsen wir durch Arequipa in Richtung Vulkan Chachani.

Nach unserem kläglichen Scheitern in der Zufahrt mit unserem Auto musste jemand mit vernünftigem Geländewagen her, der uns bis zum Tourenstart bringt. Wie es der Zufall so will, kennt Liza einen Downhiller aus Lima. Und der kennt einen peruanischen Bikeshop in Arequipa, bei dem wir uns melden sollen, wenn wir Probleme haben. Dass wir nicht zum Tourenstart kommen, ist ein Problem. Ein kurzer Besuch im „OnlyBikes“ Bikeshop bringt uns einen Guide, der mit dem Bikeshopbesitzer bekannt ist und von unserer Idee so begeistert ist, dass er uns nicht nur hochbringen will, sondern auch einfach mit zum Gipfel aufsteigen will, um das „Spektakel“ zu sehen.

Wir passieren den Stadtrand von Arequipa und fahren die kurvenreiche Passstraße hoch, die „niemals schläft“. Hier sind fast nur Bekloppte unterwegs. Reisebusse überholen LKWs in der Außenkurve, verrückte PKW-Fahrer liefern sich fast schon Rennen, es wird gehupt und gedrängelt und auch unser Fahrer ist mindestens sehr emotional mit dabei.
Der Pass ist in Nebel gehüllt, es ist stockdunkel. Unser Fahrer sucht kurioserweise nach ein paar Geländewagenspuren am Straßenrand. Das sei eine Abkürzung – nach fünf Minuten Suchen finden wir diese auch. Wir folgen einer Spur quer durch die Pampa, Orientierung gleich Null, man sieht einfach nichts. Lev schmeißt sicherheitshalber mal das Navi an. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir endlich die offizielle Dirtroad, die zum Vulkan führt. Doch was macht unser Fahrer? Er biegt in die falsche Richtung ab – wir fahren zurück! Lev und ich intervenieren. Aber er lässt sich nicht davon abbringen und ist felsenfest davon überzeugt, dass wir richtig sind. Das Navi spricht das Gegenteil – so wie die Mautstation, deren Lichter allmählich durch den Nebel leuchten. Hier zweigt die Dirtroad von der Hauptstraße ab. Und damit wurde unsere Abkürzung zur Verlängerung. Wenigstens ist jetzt auch unser Fahrer überzeugt, dass wir falsch sind.

Endlich an dem Feldweg zum Tourenstartpunkt angekommen, zeigt sich der Unterschied zwischen einem vernünftigen Geländewagen und unserem Feuerwehrauto: Der Geländewagen passiert die Stelle, an der wir vor ein paar Tagen nicht weiter kamen, ohne mit der Wimper zu zucken. Keine 200 Meter später wird der Weg so grob, dass das Auto teils in 30 Grad Schräglage über reifenhohe Steinblöcke fährt. Spätestens hier wäre mit unserem Transit definitiv Feierabend gewesen.

Schwankend und schaukelnd nähern wir uns der 5000 Meter Marke. Hinter uns färbt sich der Himmel in ein unglaublich kräftiges Orange; im Tal ziehen die Nebelschwaden über’s Land. Ein Anblick wie aus einem Märchenbuch. Es ist bitterkalt: Trotz der Trockenheit haben sich Eiskristalle am Boden und auf den dürren Sträuchern gebildet. Während der Fahrt durch den Nebel am Fuß des Berges hat sich auf unseren Bikes auf dem Autodach eine fast Zentimeter dicke Eisschicht gebildet!
Endlich – mit über einer Stunde Verspätung – sind wir am Tourenstart. Lev und ich schnappen die Bikes und ziehen los. In den letzten Wochen haben wir uns gut akklimatisiert und sind zuversichtlich, dass wir den Gipfel erreichen können. Liza und unser Fahrer bilden die Nachhut zu Fuß.

Nicht so ganz ohne, dafür mit Eis

Was soll das denn? Der Trail führt bergab und schlängelt sich dann ewig auf der Höhe dahin. Das haben wir aber nicht gebucht! Eine gute Stunde Verspätung, Zusatzhöhenmeter und Zusatzstrecke – ungünstige Kombination. Und dann noch die Höhe. Am Lincancabur haben wir für die 1300 Höhenmeter Aufstieg bis auf 5900 Meter gute neun Stunden gebraucht. Mit den Zusatzhöhenmetern vor unserer Nase werden es heute auch fast 1200 Höhenmeter. Und heute wollen wir auf 6075 Meter hoch. Wenigstens sind wir jetzt besser akklimatisiert.
Es hilft alles nix: Wir geben Gas und speeden die Querung durch. Das klappt gut – früher als wir dachten, linst das Basecamp plötzlich hinter einer Gletschermuräne vor. Ein paar Zelte stehen hier. Es muss wohl eine Expedition weiter oben sein, oder noch am Schlafen. Jetzt, nach dem Camp, führt der Weg endlich richtig aufwärts. Aufwärts geht auch unser Puls. Abwärts gehen, schnellen Schrittes, die Teilnehmer der Expedition, die uns nach etwa 300 Höhenmetern entgegenkommen. Wir ernten verwirrte Blicke und ein „Good Luck“, bis uns deren Guide anspricht: Das wäre ja sehr außergewöhnlich, was wir hier vorhaben. Aber es kann nicht klappen, weil ab 5800 Meter die Flanke komplett vereist ist. Na toll, das sind minder muntere Nachrichten. Aber man kennt es ja aus den Alpen: Wenn dir „Nicht-Biker“ erzählen, dass es da vorne nicht mehr weiter geht, dann wird’s meistens erst so richtig interessant. Also nicht verzagen – Bike weitertragen.

Leider hat der Guide Recht. Die Flanke ist gefüllt mit Schnee – und sie ist irrsinnig steil. Keine Chance, hier sicher abzufahren – falls wir überhaupt hochkommen würden. Es gibt jedoch einen Lichtblick: Der Grat in Richtung Gipfel scheint größtenteils schneefrei zu sein. Das könnte klappen und muss zumindest untersucht werden. Das Glück ist auf unserer Seite – der Schnee wurde von der Sonne aufgetaut und ist nicht mehr gefroren. Das heißt, wir haben Grip und können unseren Aufstieg fortsetzen. Die Steilheit der ganzen Geschichte hinterlässt Eindruck bei uns – die Abfahrt wird nicht ohne!
Etwa 200 Höhenmeter unter uns sehen wir Liza und unseren Fahrer. Die Beiden haben irrsinnig aufgeholt, doch jetzt scheint sich bei ihnen die fehlende Akklimatisierung bemerkbar zu machen. Sie treten den Rückzug Richtung Auto an.
Der Grat spitzt sich zu, die Fehlerintoleranz auch: Auf einer spitzen Wächte keuchen wir die letzten 100 Höhenmeter dem Gipfel entgegen. Links und rechts fallen die Schneeflanken steil ab in zwei der vielen Krater am Chachani. Ein kurzer Blick auf’s GPS zeigt: Wir haben die 6000er-Marke geknackt! Endlich klappt es, nachdem alle anderen 6000er-Projekte entweder tief verschneit waren, logistisch nicht lösbaren Aufwand erforderten – oder gar beides.

Ein paar Verschnauf-Stop-and-Gos später sind wir am Ziel: Auf 6075 Meter über Normal Null, rund 4000 Höhenmeter über Arequipa, auf unserem ersten 6000er. Unglaublich! Wer hätte gedacht, dass wir mal mit den Bikes auf einem 6000er stehen? Aber man muss es halt einfach mal machen! Erleichterung macht sich breit. Wir haben es tatsächlich geschafft – sogar in fünfeinhalb Stunden. Aber irgendwie fühlt es sich auch komisch an mit dem Wissen, dass der menschliche Körper oberhalb von etwa 5500 Metern immer weiter Energie verliert, auch beim Nichtstun. Einerseits ist es das Normalste auf der Welt – auf einen Berg steigen. Andererseits gehören wir Menschen einfach nicht hier her.

Plötzlich gehen meine Alarmglocken an. Die Wolken um den Gipfel herum sind immer dichter geworden. Seit ein paar Minuten hängen wir komplett in der Suppe. Die Temperatur liegt unter null Grad – wenn die Sonne den Schnee nicht mehr aufweichen kann, dann friert dieser möglicherweise. Das könnte unseren Abstieg ohne Steigeisen ziemlich gefährlich machen, an eine Abfahrt ist dann garnicht zu denken. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Die ersten 30 Höhenmeter fahren wir fast Schuss in den obersten Vulkankrater. Hier ist der Schnee schon eisig. Weiter geht’s auf den luftigen Grat. Die Schneewächte ist zum Glück noch nicht vereist – wir kommen gut durch. Jetzt wird der Grat ebener, aber die Ebene ist stärker geneigt. Nah an der Haftgrenze der Reifen im Schnee-Schotter-Mix zirkeln wir dem Tal entgegen. Eine Wegspur gibt’s nur sporadisch. Da ist gute Linienplanung gefragt: Die Umsetzer an der richtigen Stelle platzieren, in keine zu steilen Abschnitte fahren, die Schneedicke und Härte richtig abschätzen. Das erfordert volle Konzentration und bringt uns richtig außer Puste – technisches Biken auf 6000 Metern Höhe führt den Körper absolut an die Leistungsgrenze.

Da kommt der gut ausgetretene Trail 300 Höhenmeter tiefer sehr gelegen: Endlich kann man mehr als 100 Meter am Stück fahren, ohne außer Puste zu kommen. Vor gigantischem Vulkanpanorama zirkeln wir die Musterspitzkehren dem Basecamp entgegen. Am Nachbarvulkankomplex stößt ein aktiver Vulkan immer wieder dicke Rauchschwaden kilometerweit in den Himmel. Ein faszinierendes Schauspiel, das die Aufmerksamkeit vom Trail zieht. Die letzten Meter zum Basecamp – dort werden wir klatschend empfangen. Die Expedition vom Morgen ist weg, dafür ist eine Neue da: Zwei Deutsche und ein Bergführer. Unser Fahrer hat wohl schon etwas Werbung für uns gemacht, denn der Guide weiß sofort, wer wir sind und gratuliert uns zum Gipfelerfolg. So auch die Deutschen. Wir machen kurz Pause, tauschen ein paar Reisetipps und Bergstorys aus, ehe wir dem restlichen Trail die Stollen aufdrücken.

Jetzt wird’s richtig technisch: wir zirkeln um große Lavablöcke, durch enge Spitzkehren und über mächtige Felsplatten. Besonders fasziniert uns eine Pflanze am Wegesrand, die hier oben überleben kann: Optisch sieht sie aus wie Moos, es ist jedoch ein extrem dichter und fester Busch. Und diese Pflanze wächst pro Jahr etwa einen Millimeter. Man kann sich also vorstellen, wie alt die teils über fünf Meter breiten Gewächse sind. Vor uns liegt jetzt ein perfekter Flowtech-Pumptrack: Immer wieder geht es über große Blöcke, um enge Kehren und durch kleine Senken – fast ohne Höhenverlust. Diese Sektion gehört definitiv in meine TopTen der Flowtechtrails und zaubert ein breites Grinsen ins Gesicht – aber auch ein Kotzgefühl, denn wir sind immer noch auf 5000 Meter und die letzten Körner werden gerade verbrannt.

Und dann das dicke Ende: Der Gegenanstieg zum Auto wartet als Endgegner. Wir sehen Liza und unseren Fahrer gerade am Auto ankommen und schleppen uns gemächlich hinterher. Um etwa 18 Uhr sind wir am Auto – kurz vor einsetzen der Dämmerung. Von hier könnten wir noch 2600 Höhenmeter und über 50 Kilometer auf Trail abfahren. Aber das ist wohl unmöglich an einem Tag zu bewältigen. Blöderweise ist das auch mein letzter Tag – morgen geht’s mit dem Flugzeug zurück in die Heimat.
Am Auto treffen wir Liza und unseren Fahrer. Die beiden haben sich tapfer geschlagen, mussten aber bei 5800 Metern abbrechen. Sie sehen etwas fertig aus. Durch fehlende Akklimatisierung und ein zu schnelles Aufstiegstempo musste Liza wohl die Höhenkrankheit kennenlernen und sich sogar übergeben. Also nix wie in tiefere Gefilde!
Über die spannende Bergzufahrt rumpeln wir wieder der Stadt Arequipa entgegen und sind schließlich um kurz vor Mitternacht wieder im Tal. Ein langer, erlebnisreicher Tag. Wir haben es tatsächlich geschafft, von einem 6000er abzufahren! Prost!

Privacy Preference Center