Auch der Uphill mag verdient sein

In Arequipa kennen wir uns nun aus. Man könnte uns schon fast als Locals bezeichnen. Zumindest brauchen wir kein Navi mehr, um von A nach B zu kommen. Dabei sind wir erst seit drei Tagen hier. Erst oder schon? Die Orga für den Chachani, den wir in einigen Tagen nochmal versuchen möchten, steht. Liza, unsere Verstärkung für die letzten Touren, haben wir im Gepäck. Wir verlassen Arequipa, um die Umgebung zu erkunden. Der Colca Canyon liegt etwa vier Stunden Fahrt entfernt und ist DIE Hauptattraktion aller Reisenden, die in Arequipa Halt machen. Dieser Ort ist so beliebt, dass man vor der Einfahrt ein Ticket lösen muss – den boleto turístico. Nun gut, aber wo kauft man das? Diverse Quellen berichten, dass man das Ticket in Chivay erwerben kann, auf dem Weg in den Canyon. Perfekt!

Am Endgegner vorbei

Auf dem Weg dorthin fahren wir diesmal die besser ausgebaute Straße (wir kennen uns ja jetzt aus!) in Richtung Chivay und umrunden dabei den Chachani. Schneelage sieht gut aus, aber der Berg wirkt nicht wie ein 6000er. Naja, der Pass liegt auch auf 4800m. An Motivation mangelt es nicht, wir freuen uns schon auf den Tag, wenn wir den zweiten Versuch starten! Die Straße führt über den Altiplano, vorbei an Vicuñas, Lamas und Touristen, vom Pass nur noch bergab nach Chivay. Hier beginnt der Colca Canyon, hier zweigt die Talstraße ab, die wir nehmen müssen. An der Einfahrt wird eine Mautstelle errichtet: Dort werden in Zukunft die Touristenbusse wohl direkt im Schnellverfahren abkassiert. Wir machen einen Abstecher nach Chivay: auch hier gibt’s keinen boleto. Irgendwer wird uns wohl irgendwann aufhalten, also weiter geht’s. Die nächste, wohl aktuelle Zahlstation ist am Samstagabend noch in Betrieb. Wir suchen den Diensthabenden Pförtner, doch die boletos sind ausverkauft, wir werden durchgewunken. Reisenden soll man ja nicht aufhalten!

Unser erster Trail beginnt ab Cabanaconde, einem Dorf weiter im Tal. Die Zahlstation haben wir jedoch schon im Dunkeln erreicht und möchten uns das Panorama der Schlucht nicht entgehen lassen. Deshalb entscheiden wir uns für die Weiterfahrt am nächsten Morgen und suchen einen Stellplatz für die Nacht.

Mit der Sonne in den Tag

…und einem „Bäm!“ Erlebnis: Pünktlich zum Sonnenaufgang im Colca Canyon, den wir jetzt erst in voller Pracht erkennen, kocht unser Kaffee. Gute 500 Meter unter uns hängen Wolkenfetzen im Tal. Die andere Seite ist keine drei Kilometer entfernt, dazwischen geht es aber gut über einen Kilometer runter. Das Plateau, auf dem wir genächtigt haben, bricht rapide ab. Es geht über nahezu senkrecht abfallende Felsrücken ins Tal, auf den Felsen haben selbst die Pflanzen es schwer, Halt zu finden. Auf der anderen Talseite sieht man Wasserfälle und teils sogar schmale Pfade. Unsere gemütliche Dreisamkeit wird erst von einem, dann von weiteren Touristenbussen unterbrochen. Manche parken und lassen ihre Gäste raus, andere halten nur kurz an, für ein Foto. Schnellprogramm… Liza fallen zwei Schatten auf, kurz darauf heißt es: „Schaut mal da!“ und sie zeigt nach oben. Aha! Das sind wohl diese Anden-Condore, für die das Tal so berüchtigt wird. Was soll man sagen: Zurecht! Über uns kreisen Vögel mit einer Spannweite von gut drei Metern im Aufwind. Der „Bäm!“ Moment lässt nicht nach. Ich habe ein Déjà-Vu: Das sind doch genau die Gleichen, die mir am Tromen so ein mulmiges Gefühl verliehen haben! Jetzt, wo man weiß, dass diese Tiere tatsächlich Schafe reisen, finde ich mein Verhalten von damals gar nicht so unangebracht.

Der Trail von Cabanaconde

Wir packen zusammen und fahren nach Cabanaconde, wo wir auf einen Sonntag auch kein boleto bekommen – dafür aber einen sicheren Parkplatz direkt vor der Polizeiwache. Die Bikes zusammengesteckt geht’s auch direkt in die Abfahrt: Befremdlich, komplett kalt, ohne vorher auch nur einen Meter gekurbelt oder getragen zu haben, abzufahren. Zum Glück rollt es noch etwas, bevor es ernst und der Trail interessant wird. Und siehe da: Unter einem großen Strohdach sitzt ein kleiner Peruaner und macht große Augen, als wir langsam um die Ecke rollen: Hier wird abkassiert! Mehrere Minuten wird auf uns eingeredet, dass der Weg mit den Bikes unfahrbar ist: „Mucho escaleras acantiladas, no es posible!“ (Viele Steile Stufen, unmöglich!) Wir denken uns: „Yeah, das könnte Spaß machen“. Wir lösen das boleto, beschonern uns und werden mit einem großen Grinsen und dem Kommentar „turistos locos“ (verrückte Touris) verabschiedet: Vor uns liegen rund tausend Tiefenmeter Abfahrt bis auf 2300m – ab dafür!

Wie erwartet technisiert es direkt auf. Ausgesetzte Stufen aus teils rutschigen Felsen definieren die Kurven. Erschwerend kommt der ausgelatschte Zustand des Weges hinzu. Schmal wird der Trail selten, was auch bei dem Gerutsche auf dem losen Schotter nicht verkehrt erscheint. Das Verkehrsaufkommen ist hoch, denn im Tal liegt das Dörfchen Sangalle, das zu einem Auffangort für Touristen geworden ist. Eine Handvoll Restaurants mit Pools und kleinen Cafés locken Wanderer an, die über andere Wege auch die Oase erreichen. Doch uns interessieren die S3 und S4 Passagen, die immer wieder den Weg schmücken. Ein richtiges On-Off Programm: Mal rollt es mehrere Meter, Mal braucht es mehrere Versuche, um die Sequenz fehlerfrei zu fahren. Teils verkünsteln wir uns auf ausgesetzten stellen – das Panorama macht aus nahezu jeder Kurve eine Fotostelle! Im Tal in Sangalle angekommen, legen wir eine neue Schicht Sonnencreme auf und wollen gerade die Bikes schultern, als ein Sherpa mit Eseln um die Ecke kommt: Ob wir denn nicht seinen Service nutzen möchten. Wir fragen nach dem Preis, der sich tatsächlich im Rahmen hält, entscheiden uns jedoch fürs Selber-Tragen: Die Abfahrt will verdient sein! Ebenso der Uphill. Wir kassieren wieder ein „turistos locos“ und stiefeln los. In den drei Stunden des Aufstiegs werden wir von demselben Sherpa und einem „Kunden“ auf Eseln überholt. Oben angelangt halten wir einen kurzen Schnack und sind kurz darauf wieder am Bus. Auf geht’s, weiter ins Tal, zum nächsten Traileinstieg.

Alternativprogram

Wir rumpeln in der Dämmerung dem morgigen Startpunkt über eine Forstpiste entgegen. Tiefe Spuren von einem Jeep zeigen, dass es hier vor einigen Tagen geregnet haben muss. Und so wie die Spuren aussehen, kommen wir auf keinen Fall raus, sollte es heute Nacht regnen. Aber gut, keine Wolke am Himmel, wir schauen mal. Am Startpunkt endet auch der Feldweg. Es ist ein sternklarer Himmel. Überall neu aufgestellte, gigantische Strommasten. Irgendwo da vorne muss der Trail losgehen. Wir packen also die Stirnlampen ein und machen uns auf die Suche. Wir müssen aufpassen, nirgends abzustürzen. Die Stromleitungen gehen nahezu senkrecht ins Tal und verschwinden im Dunkeln, wo unsere Lampen nicht mehr hinab reichen. Wir laufen mehrere Kanten ab, nix. Laut GoogleEarth müsste genau vor uns auf dem Grat der Trail sein: auch nix. Wir realisieren, dass der klar definierte Trail auf den Satellitenbildern wohl vor ein paar Jahren von den Bauarbeitern eingelaufen worden sein muss. Die Straße Der Feldweg, auf der wir hierher gefahren sind, wird wohl nur noch zu Wartungszwecken für die Stromtrasse genutzt. Den Weg hat sich die Natur zurück erobert. Also fahren wir wieder in Richtung Cabanaconde, wo es weitere Trails ins Tal gibt und starten morgen mit einem Alternativprogramm. Wieso auch nicht?

Genusstour sondergleichen

Der Einstieg ist flach und verblockt, mal wieder startet man kalt in die „Abfahrt“ und wird gleich vor technische Herausforderungen gestellt. Ein Bauer lacht und schüttelt den Kopf, als er mit seinen Pferden vorbeizieht. Doch kurz darauf nimmt das Gefälle zu und wir Fahrt auf. Die technischen Herausforderungen lassen wir oben zurück und genießen das Tempo talabwärts. Im großen Zick-Zack schlängelt sich unsere Genusstour dem Fluss entgegen, an dem wir gestern auch schon waren. Nach der Hälfte der Abfahrt trennen sich unsere Wege: Flo und ich sind faul und fahren weiter bergab. Liza steigt wieder auf, um zum Bus zurück zu laufen und uns im Tal wieder einzusammeln. Teamwork!

Das letzte Drittel technisiert auf und wir spielen im Techflow. Der Trail ist weniger begangen, als der gestrige und schon gar nicht mit Eseln. Die höhere Kontrolle erhöht den Spaßfaktor. Sobald wir um einen Bergrücken kommen, öffnet sich ein neues Panorama. Die Täler scheinen endlos verzweigt zu sein. Auf jedem Hang wird bis in die höchste Lage Landwirtschaft betrieben – das muss müßig sein! Doch wie alle Abfahrten ist auch diese zu schnell zu Ende. Wir kurven die letzten Meter um riesige Kakteen herum, bis wir am Fluss ankommen. Der Himmel verdunkelt sich ziemlich schnell und vor dem Platzregen finden wir rasch ein trockenes Plätzchen. Im nächsten Moment kommt auch unser rotes Shuttle um die Ecke: perfektes Timing. Geübt laden wir die Bikes ein und machen uns auf den Rückweg in Richtung Arequipa.

Es ist noch früh am Abend. Wir genießen die einzigartige Landschaft des Colca Canyons: Soweit das Auge reicht schlängeln sich Wege durch die Landschaft, Landwirtschaftliche Terrassen sind in die Hänge angelegt und kleine Dörfer hier und da verteilt. Hier lässt es sich aushalten, deshalb schlagen wir auch beim Anbruch der Dunkelheit unser Lager ein weiteres Mal in diesem Tal auf, unweit der asphaltierten Hauptstraße. Leider regnet es sich ziemlich ein und der Abend fällt buchstäblich ins Wasser, aber: Welch Glück, dass es den Trail bei den Strommasten nicht mehr gibt. Die Forstpiste dorthin wäre zu einem Schlammbad verkommen und wir würden so ziemlich in der Tinte stecken. Oder im Schlamm. Irgendwie hat alles seine Berechtigung. Wir machen uns einen gemütlichen Abend und freuen uns auf den Endgegner bei Arequipa.

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