Auf dem Weg zum Paso Socompa

Vor uns liegt eine lange Etappe: Wir möchten nach Tolar Grande. Ein nahezu verlassenes Dorf in Argentinien. Umgeben von Bergen, Salzseen und Kranked Areas (Staubhänge, die durch das erste richtige Bikevideo „Kranked 1“ 1998 berühmt wurden)! Eines zeichnet dieses Dorf allerdings aus: Dort liegt die erste Bahnstation auf der Argentinischen Seite nach dem Socompa Pass. Die Bahnlinie ist noch in Betrieb und der Zug fährt ab Antofagasta über den Pass. Verschiedene Quellen liefern die Information, dass sogar noch Personenzüge fahren sollen. Die Strecke über den Pass ist sicherlich spektakulär. Sie verläuft glücklicherweise fast parallel zur Straße, und so können wir selbstfahrend in den nahezu gleichen Genuss kommen. In Antofagasta startet auch unsere Fahrt, nachdem wir uns für die kommenden vier Tage komplett eindecken: Zwischen Antofagasta, auf dem Weg über Tolar Grande, bis zum nächsten Ort in Argentinien, gibt es keine belebten Ortschaften. Geschweige denn Tankstellen. Das sind über 600 Kilometer und mehrere tausend Höhenmeter!

Die Sonne und den Pazifik im Rücken schlagen wir unseren Weg nach Osten ein. Auf der gut asphaltierten Straße kommen uns ausschließlich Bergwerk-Pick-Ups und Arbeiterbusse entgegen. Auf der Bahnlinie sehen wir zwei lange Güterzüge den Berg hochkriechen. Hier und da gibt es verlassene Bahnhöfe. Die Züge scheinen wohl ebenfalls im Dienste der Bergwerke unterwegs zu sein. Für uns endet die Asphaltstraße an einem großen Tor: Hier geht’s rein in ein wohl recht großes Bergwerk. Wir finden raus, dass hier Kupfer abgebaut wird. Und in was für einem Stil! Hier wird das Sprichwort „Berge versetzen“ wörtlich genommen! Halden mit abgetragenem Abfallgestein türmen sich hunderte Meter hoch. Förderbänder verlaufen über zig Kilometer durch die Landschaft. Das Gelände ist abgeriegelt, aber aus der Ferne sieht man, dass hier fast eine komplette Bergwerksstadt existiert. Beinahe im Fünfsekundentakt verlassen LKWs und Autos das Gelände – am laufenden Band. Unglaublich, in was für Dimensionen das Kupfer hier abgebaut wird. Die Sonne geht allmählich unter und verleiht der menschengeschaffenen Landschaft eine ganz eigene Ästhetik. Wir passieren auf der Dirtroad einige Schranken, die den LKW Betriebsverkehr regeln und sehen aus der Ferne die riesigen Bergwerk-LKWs, von denen ein Reifen größer ist, als unser Ford Transit.

Wir halten die Augen nach einem Schlafplatz auf. Doof, dass ringsum nur Bergwerksgelänge ist und man die Straße nicht verlassen kann. Doch siehe da: Eine Einfahrt zu einem verlassenen Bahnhof. Hier schlagen wir unser Lager auf. Wir sind neugierig und schlendern auf dem Gelände herum: Vielleicht gibt es etwas zu entdecken? Oder sogar zu fahren? Wir werden nicht enttäuscht und es wird ein langer Abend, bis es etwas zu essen gibt. Die alten Öltanks laden zum Spielen im Dunkeln ein. Eine abgefahrene Szenerie, die die Milchstraße zusammen mit den verlassenen Gebäuden hervorbringt. Eine abgestellte Schneeräum-Lok heben wir uns für den Sonnenaufgang auf.

Es kommt nur drauf an, was man draus macht

…und so shapen wir im Sonnenaufgang eine Anfahrt auf die Lok. Die Schaufel ist ein nahezu perfekter Corner-Sprung, mit einer etwas miesen Landung in den alten Schienen. Etwas tricky ist die Anfahrt, da in Lenkerhöhe die Schaufel wieder breiter wird. Es braucht einige Versuche, bis der Absprung sitzt. Die Landung optimieren wir auch noch etwas und dann kosten wir diese einmalige Gelegenheit aus. Immer wieder Anlauf nehmen auf über 4000m kostet ordentlich Körner, aber es gibt ja gleich Frühstück.

Wir setzen unsere Fahrt fort und verlassen bald das Bergwerksgelände vollends. Auf dem Weg zum Socompa Pass kreuzen wir immer wieder die Eisenbahnlinie und passieren verlassene Bahnhöfe im Nirgendwo. An einer größeren Anlage machen wir noch kurz Rast und dann sind wir schon am Pass: Hier hört die Straße auf und wir holpern über Schienen und Weichen vor das Polizeigebäude. Einige moderne Loks stehen mit laufenden Motoren herum – sie warten vermutlich auf den Zug aus Argentinien zum Umsatteln.

Ein verdutzter Polizeibeamter kommt auf uns zu mit der Frage, was wir denn hier vorhätten. Chile verlassen, nach Argentinien und Tolar Grande fahren, ist unsere Antwort. Zunächst halten wir es für einen Scherz, als es heißt, das ginge nicht. Nach einigen Erklärungen scheint es aber keiner zu sein: Der Socompa Pass kann nur mit dem Zug, zu Fuß oder mit dem Fahrrad überquert werden. Es gibt auch keine Zolleinrichtungen, nur die Migration hat hier ihren Sitz. Auf Nachfrage: Das sei wohl schon seit ca. 20 Jahren so. Nun gut, die Beamten zeigen uns den nächsten Pass, den wir mit dem Auto passieren können: Paso Sico. Zum Glück sind das gerade mal 100 Kilometer oneway, die wir unnötigerweise gespult haben. Die Kollegen raten uns über San Pedro de Atacama zu fahren, aber unsere Sprit- und Essensvorräte sind ausreichend. Wir schlagen die direkte Route ein. Wir fahren an mehreren Litium-Tagebauten vorbei, dir an einem überdimensionalen Salzsee liegen. Auch Salz scheint hier abgebaut zu werden. Es gibt sogar einen Flugplatz auf dem Salzsee, für die Arbeiter. Die Straße führt auf dem kürzesten Weg über den Salzsee: gerade aus zum nächsten Dorf. Der Salzsee ist größtenteils trocken und man sieht, soweit das Auge reicht, Salz-Erde-Mische. Neugierig wie wir sind, fahren wir ran und schauen, ob man darin versinkt oder sich eher aufspießt.

Überraschend hart ist das Ganze: Hier ein Fehltritt, und man hat ein paar ernsthafte Wunden – mit Salz darin. Die Salzkruste ist messerscharf und nach oben aufgeplatzt. Die Schollen sind zwar steinhart miteinander verbunden, aber unter ihnen ist es oft hohl. Die ganze Oberfläche steht so unter Spannung, dass sie immer wieder knirschende Geräusche von sich gibt. Abgefahren und wirklich kurios! Wir beenden die Erkundung, es dämmert und wir haben noch ein paar Kilometer vor uns. Wir setzen unsere Fahrt im leuchtenden Abendrot fort. Leider sind die Sonnenauf- und Untergänge hier nahe des Äquators recht kurz, so ist es bereits dunkel, als wir ankommen.

Wir schlagen unser Lager nahe der Grenze auf an einer der vielen Lagunen, die von hunderten Touristen aus San Pedro täglich aufgesucht werden. Es scheinen wohl zu viele geworden zu sein: alle Zufahrten zu den Lagunen sind zugeschüttet und unpassierbar gemacht. Es sind Parkplätze an Aussichtspunkten angelegt worden, der Andrang soll wohl kanalisiert werden. Glücklicherweise sind diese eben – so müssen wir unser mobiles Zuhause nicht unterfüttern. Morgen soll es dann aber wirklich nach Tolar Grande gehen.