Der Höchste des Roadtrips

Auf zum Endgegner des Roadtrips, obwohl letzterer noch lange nicht zu Ende ist. Aber der Ojos del Salado ist mit 6893 Metern der höchste geplante Gipfel unseres Abenteuers. Unweit der Laguna Verde führt ein Feldweg rund 25 Kilometer bis auf 5200 Meter zum Basecamp des Ojos del Salado. Basecamp bedeutet in diesem Fall ein kleines Blechrefugio und ein paar Zelte, falls noch andere Bergsteiger zugegen sind.
Unser Plan: Mit dem Auto bis zum Basecamp fahren – unser mobiles Basecamp eben. Mit Zelt und Proviant bis auf etwa 5900 Meter aufsteigen, das Material deponieren und anschließend Abfahren. Ein Ruhetag im Basecamp, tags darauf der Aufstieg mit Schlafsäcken, Isomatten und weiterem Proviant. Camp 1 auf 5900 Metern aufbauen, dort nächtigen. Gegen vier Uhr nachts zum Gipfel aufbrechen, hoffentlich bis zum Gipfel aufsteigen. Schließlich abfahren, Camp 1 abbauen und mit sämtlichem Material ins Basecamp abfahren.

Klingt sportlich, ist es auch – der Erfolg hängt von vielen Unsicherheitsfaktoren ab:

  • Der Ojos del Salado ist ein Grenzberg, wir brauchen einen Permit vom DIFROL
  • Wie ist die Schneelage am Berg? Zu viel Schnee bedeutet, dass wir das falsche Sportgerät haben
  • Wie weit werden wir mit dem Auto kommen? Sollte weit vor dem Basecamp Schluss sein, wird alles schwieriger und langweiliger
  • Der Wetterbericht von vor drei Tagen hat für die ganze Woche 50 bis 70km/h Wind für den Gipfel gemeldet

Den Permit haben wir nicht. Der DIFROL ist einfach zu lahm, um das Ding innert einer Woche zu versenden. Obwohl da nur draufsteht, wer wann auf welchen Berg steigt. Leider haben wir seit drei Tagen nicht mal ein Telefonnetz geschweige denn eine Internetverbindung – vielleicht wäre der Permit inzwischen da. Sollten wir ihn brauchen, könnten wir auch einfach nach Copiápo fahren und dort die Mails abrufen. Das wären nur rund 550 Kilometer und 4000 Höhenmeter hin und zurück – davor ist nix mit Netz.

Die Schneelage verspricht wenig Gutes, denn alle Berge rings herum sind ab etwa 6000 Meter weiß. Aber der Aufstiegshang am Ojos del Salado ist eher steil und es ist ein Nordhang – könnte also von der kräftigen Sonne frei gebrutzelt sein (Südhalbkugel Nordhang = Nordhalbkugel Südhang).

Und die Zufahrt? Die startet gleich positiv: ein Refugio, das als Kontrollstation für den Permit dient, ist wie ausgestorben. Kein Mensch weit und breit – wir sind in der Offseason. Also erteilen wir uns selbst einen Permit und fahren einfach weiter. Der Feldweg schlängelt sich durch ein riesiges Flussbett – sicher 200 Meter breit und komplett ausgetrocknet. Läuft doch ganz gut. Die erste Hürde tut sich nach rund acht Kilometern auf: Der Weg wird so sandig und weich, dass wir um ein Haar stecken bleiben. Glück gehabt!
Aus dem Flussbett geht’s um einen Hügel und zack, vor uns liegt ein bombastisches 6000er Panorama. Der Ojos del Salado wird zum ersten Mal richtig sichtbar und damit auch die Schneelage: fast komplett weiß, bis auf einen Bergrücken. Mist! Wir fahren trotzdem weiter. Aus der Nähe lässt sich sicher der Verlauf des Aufstieges erkennen. Vielleicht haben wir Glück und dieser verläuft über den Rücken. Die Zufahrt über den Feldweg hat ein paar Herausforderungen wie große Felsblöcke sowie tiefe Löcher und Gräben – aber alles lässt sich geschickt umzirkeln oder schräg durchfahren, so dass nur die Glasabdeckung einer Nebelleuchte dran glauben muss. Doch plötzlich, sechs Kilometer vor dem Basecamp tut sich ein gähnender Abgrund auf: Der Weg wurde durch einen Regenfall oder Schmelzwasser vergangener Zeiten weggespült. Eine weiträumige Umfahrung unten rum hat sich gebildet – diese ist allerdings sehr weich und steil. Wir würden zwar rüber kommen, aber zurück – das ist ungewiss. 50/50 schätzen wir die Chance ein. Falls es nicht klappen würde, wären wir davon abhängig, dass ein Geländewagen mit anderen Bergsteigern vorbei kommt und uns raus ziehen könnte. Für die Sandbleche ist das Gelände zu steil.

Auf 5100 Meter rund 140 Kilometer vom nächsten permanenten Menschenaufenthaltsort (die Grenzkontrolle) entfernt darauf zu hoffen, dass uns notfalls jemand raus zieht – kann man machen, ist uns aber zu heiß. Aus der Nähe ist jetzt auch der Trailverlauf ersichtlich. Die Ski wären fast die bessere Wahl. Powderalarm?

Im Zwiespalt

Alle Faktoren sprechen gegen das Projekt. Im Schnee lässt es sich zwar oft ganz gut biken – aber nur, wenn eine feste Spur eingelaufen ist und der Schnee nicht durch Wärme und Sonne aufgeweicht und nass ist. Offseason – da ist eine gute Spur unwahrscheinlich. Nordhang – da knallt die Sonne schön rein und weicht den Schnee auf. Wir sind im Zwiespalt: Einerseits wollen wir das Projekt nicht aufgeben, da es einfach eine irrsinnige Herausforderung wäre, es zu schaffen. Andererseits liegt die Chance, dass wir unter diesen Umständen tatsächlich fast alles vom Gipfel abfahren können, bei bestenfalls 10%.
Die Vernunft siegt – wir streichen das Projekt. Unsere Zeit ist leider begrenzt, die investieren wir lieber in Projekte mit höheren Erfolgschancen. Diese Entscheidung haben wir übrigens schon ein paar Tage zuvor getroffen: Alles, was zu viel Schnee hat, zu unsicher ist und eventuell weglose Abschnitte hat, fliegt aus der Liste. Denn eines zeigt unsere Erfahrung in Südamerika bis jetzt: Vorhandene, funktionierende Trails auf hohen Bergen sind Mangelware!
Es hilft nix. Zum Trost und als Erinnerungsfoto shapen wir kurz einen kleinen „Vor-dem-Ojos-Kicker“. Dann cruisen wir den Feldweg wieder raus – einer der vielleicht beeindruckendsten der Welt.

280 Kilometer durchs Niemandsland

Schweren Herzens verlassen wir die Bilderbuchlandschaft in Richtung Copiápo. Kurioserweise ist die Straße plötzlich wieder geteert. Sie schlängelt sich zwischen den Gipfeln herab einem duzende Kilometer großen Salzsee entgegen. Saftig grüne Täler winden sich dem ausgetrockneten See entgegen – als hätte jemand einen Eimer Farbe runter geschüttet. Das wenige Wasser aus den Bächen reicht nicht, um den See zu füllen.
Mitten im Niemandsland taucht die chilenische Grenzstation auf. Die Dimensionen sind gewaltig. Offensichtlich hat man hier mit mehr als der optimistisch gezählten etwa 20 Autos am Tag gerechnet. Es wird der unfreundlichste Grenzübergang unseres Trips. Reden ist nicht so das Ding bei den Beamten dieser Grenzstation.

Möglicherweise war der Teer alle – jedenfalls folgt jetzt eine schmale, relativ miese Dirtroad. Es geht noch einmal steil hinauf auf einen Pass mit über 4500 Metern Höhe. So langsam wird uns klar, warum es über den San Francisco Pass so wenig Verkehr gibt. Abgesehen davon, dass man gute 500 Kilometer durchs Niemandsland fährt, ist die Rückseite des Passes noch radikaler: die Straße schlängelt sich durch einen Canyon, ist teils weggebrochen und immer wieder nur einspurig. Große LKWs haben hier kaum eine Chance. Je näher wir Copiápo kommen, desto breiter wird das Tal; bis es zum mehrere 100 Meter breiten, ausgetrockneten Fluss wird. Die Dirtroad führt schnurstracks gerade hindurch. Kurios, eine Straße in ein scheinbar gelegentlich wasserführendes Flussbett zu bauen. Unsere Vermutung bestätigt sich auch rasch: Immer wieder gibt es Abschnitte, an denen Teile der Böschung einem größeren Regenfall zum Opfer gefallen sind. Baustellen, an denen die Dirtroad komplett neu gemacht wird, häufen sich. Dennoch kommen wir gut vorwärts und nähern uns gegen Abend der Stadt Copiápo. Endlich gibt es Internet und siehe da: unser Permit vom DIFROL ist per Mail angekommen! Allerdings für einen Franzosen und drei US-Amerikaner. Mails sortieren ist wohl nicht so das Ding vom DIFROL.