Nachts ist’s kälter als draußen

Es ist noch dunkel und unsere dicksten Schlafsäcke hängen an den Autotüren. Wir haben fast unsere wärmste Kleidung an und warten, bis der Kaffee kocht. Es ist kurz vor sechs Uhr morgens. Händewaschen tut weh, das Wasser ist eiskalt.

Heute soll’s auf einen benachbarten Berg vom Ojos del Salado gehen: südlich der Laguna Verde, nördlich vom Ojos, kein Name in keiner Karte, aber gute 5900m hoch. Das Ziel des Tages ist, sich zu akklimatisieren. Wir starten direkt von unserem Basecamp an der Laguna Verde, die auf 4300m liegt. Sollten wir es bis zum Gipfel schaffen, haben wir nicht nur eine gute Aussicht auf den höchsten Vulkan Südamerikas und unser nächstes Projekt, sondern auch noch ordentlich was gerissen.

In der Morgendämmerung laufen wir gemächlich los und merken direkt die Höhe, also erstmal das richtige Tempo suchen. Der Weg ist klar ausgetreten, es lässt sich gut laufen. Die Bikes zu schieben wir schnell ineffizient und wir schultern sie. Gegen neun Uhr ist die Sonne komplett aufgegangen, aber wärmer wird es nicht. Vor uns: ein karger Berg mit wenig grün. Hinter uns: eine Landschaft, nicht von dieser Welt! Die Lagune lässt sich nun komplett überblicken, gesäumt von weißen Berggipfeln in einer Wüstenlandschaft. Es ist schwer, sich daran satt zu sehen und mit jedem zusätzlichen Höhenmeter wird der Blick nach unten beeindruckender.

Wir hatten uns eigentlich gefreut, dass der Wind nicht so Kachelt, wie am Vorabend, doch so langsam wird dieser immer präsenter. Die Sonne scheint das Tal doch aufzuheizen. Unpassender Weise verläuft der Trail entweder seitlich zum oder gegen den Wind. Das Bike wirkt wie ein Segel: Wird es einem nicht von den Schultern geweht, so wird man selbst samt Bike zurückgeweht. Dabei sind wir noch nicht mal auf 5000m angekommen. Mittags kommen noch Böen hinzu – Zeit für die Sturmhauben, die Kapuzen sind nicht genug. Es ist schwer, sich auf den Beinen zu halten. Wir sind zwar auf der windabgewandten Seite unterhalb des Grats, haben aber immer noch zu kämpfen. Wir spüren ihn nicht nur, wir hören ihn, wie er über den Grat bläst und uns immer wieder vom Weg abdrängt. Die Wettervorhersage kündigte etwas zwischen 35 und 40 km/h an. Derzeit wird es eher das Doppelte sein.

Wir erhaschen einen Blick auf unseren Zielgipfel: noch fast 700 Höhenmeter – über den Grat. Wir machen Rast. Auf die Rucksäcke legen wir große Felsbrocken, sonst nimmt sie der Wind. Ich habe keinen Hunger, mir ist kodderig. Flo klagt über einen dicken Schädel. Höhenkrankheit? Nicht unwahrscheinlich auf 5200. Zu schnell aufgestiegen können wir nicht sein, es war jedoch wesentlich anstrengender, als es hätte sein müssen. Wir entscheiden uns in die Abfahrt zu gehen, die wird noch anspruchsvoll genug.

In den Wind lenken, gegen den Wind treten

Es war klar, dass wir nicht einfach runterrollen werden können. Doch in welchem Maß uns der Wind daran hindert, ist „mind-blowing“. Hat man das Gleichgewicht beim Rollen bekommen, ist die nächste Kurve, selbst ohne Spitzkehre oder Stufe, eine Herausforderung. Lässt der Wind kurz nach, kommt man vom Trail ab. Ohne es bewusst zu registrieren, lenkt man gegen den Wind in den Hang. Wahnsinn! Beim Versetzen dasselbe Spiel: Gegen den Wind, braucht es richtig Schwung, mit dem Wind wird das Heck um die Ecke geweht – aber auch nur, wenn der Wind konstant anhält. Weil man permanent gegenlenkt, müssen wir bei flacheren Sequenzen treten.

Wir arbeiten uns bergab in ein Blockfeld. Die Räder präzise auf die Steine zu setzen: unmöglich. Es ist ein Glücksspiel, ob die S2 Passage sitzt, oder nicht. Der Wind wird nicht schwächer. Eigentlich befinden wir uns nun auf einem Flow Trail, der uns an der Lagune ausspucken sollte. Die windzugewandte Seite benennt die letzten Tiefenmeter um: „Blow Trail“. Wir werden seitlich den Hang hinauf geblasen. Gegenlenken genügt nicht mehr. Bis zum letzten Meter ist Konzentration und Reaktion gefragt, um mit dem Wind fahren zu können. Wir sind froh, sobald wir an unserem Bus ankommen: So einen starken, stetigen Wind habe ich noch nicht erlebt.

Vom Winde verweht lassen wir den Abend an der Lagune ausklingen. Der Wind zaubert ihr immer wieder schöne Schaumkronen hinein. Wenn man jetzt einen Windsurfer dabei hätte… und ob es am östlichen Ufer einen Windswell gibt? Soll uns jetzt egal sein. Völlig platt stecken wir unsere Beine in eine der Thermalquellen und lehnen uns an die windschützenden Steinwände. Reicht für heute.

Übrigens: Für unseren Trip haben die überkorrekten Jungs und Mädels von PYUA uns mit ihrer ecorrect outerwear ausgestattet. Wir hatten zwar noch keinen Schnee, aber vor den restlichen Bedingungen haben uns die Klamotten bei 70 km/h Wind und Temperaturen gut unter null sicher verpackt. Ganz schön guter Stoff, muss man sagen: Muchas gracias!