Langsam atmen und cool bleiben, sage ich mir immer wieder. Währenddessen klammere mich an eine fast senkrechte Felswand in der Nähe von Marseille. Um mich herum nur cremefarbene, scharfkantige Kalksteinfelsen, unter mir ein Abgrund, der gelegentlich von schmalen Absätzen voller spitzem Geröll gesäumt ist.
Ohne Rad wäre der Aufstieg Routine, mit dem Bike auf dem Rucksack wünsche ich mir aber nicht nur drei zusätzliche Hände, sondern mir geht richtig die Düse. Und für einen kurzen Moment überfordern mich dann fast Kalkfelsen, Abgrund und Geröll. Doch mein Mantra ist stärker als die aufkommende Panik.
Eine gefühlte Ewigkeit später ziehe ich mich ein gutes Stück weiter oben über die letzte Felskante und sehe das Mittelmeer, wow!

Und völlig entspannt sitzen da schon die beiden Trail Hunter Dave und Claude, in freudiger Neugier auf möglichst verblockte Abfahrten. Scheinbar hat sie der Aufstieg nicht mal im Ansatz beeindruckt, allenfalls der sehr starke Wind lässt sie trotz schönster Frühlingssonne etwas frösteln, aber sie warten ja auch schon ein paar Minuten.

Jetzt sind wir alle aber doch auch neugierig, ob es hier oben auch fahrbare Pfade gibt. Wir werden nicht enttäuscht, nach etwas guter Zurede und einigen Techniktipps fahre selbst ich mit Spaß Passagen, die eine handvoll französischer Wanderer als willkommenes Spektakel begrüßt.
Gut gelaunt und neugierig beginnen sie ein Gespräch. Als Dave und Claude anfangen Nosewheelies auf einer extrem ausgesetzten Steinschräge zu machen, verstummen sie jedoch etwas verblüfft. Und 250 Meter unter uns brandet das Mittelmeer in den Calanques.

Der Flow führt uns mehrere Kilometer auf verschlungenen Pfaden teilweise simsartig an der Abrisskante entlang, stets begleitet vom Wind. Gegen Nachmittag zieht ein Unwetter heran, gerade mit den ersten Tropfen sind wir am Ziel. Nass hätten die Kalkfelsen sicherlich nicht ganz so viel Spaß bereitet.

Unser osterlicher Urlaub bringt neben den Calanques noch weitere Highlights: Rotbraune Ockersteinbrüche, durchzogen von netten Trails wähnen uns fast in Utah. Mediterrane Hügellandschaften führen uns immer wieder wie zufällig zu offensichtlich extra für Biker gebauten Jumps und Obstacles. Ganz allgemein kann man sehr gut verstehen, weshalb es so viele endurobegeisterte, erstklassige Biker in Südfrankreich gibt. An Möglichkeiten sich auszutoben, tollem Essen und Sonnenschein mangelt es jedenfalls nicht. T-Shirt-Biken im März, nächstes Jahr gerne wieder!