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Wie es der Zufall so will

Wie es der Zufall so will, wird unser lange vorbereitetes und mit großer Vorfreude erwartetes Tourengroßprojekt vom schlechten Wetter verfolgt. Deutlich über 3.500 m soll es gehen. Zufälligerweise schneit es drei Tage davor bis auf 1.600 m runter, weiter oben liegen gute 50 cm Schnee. Unser Projekt droht zu scheitern, sämtliche Webcams der Zielregion werden mehrmals täglich gecheckt. Als wäre es Zufall, sehen die Hänge zwei Tage später relativ schneefrei aus. Wir entscheiden, nun doch hinzufahren. Als wir den Fuß des Berges erreichen, fällt uns ein Stein vom Herzen. Die Südhänge sind tatsächlich frei, wir können loslegen!

Wir hatten zwar gebucht. Doch erst im Aufstieg zur Hütte, die etwas unter dem Gipfel liegt, erfahren wir zufälligerweise von ein paar Wanderern, dass die Hütte ihren letzten Tag hat. Glück gehabt! Einen Tag später hätten wir unser Projekt auf diese Art nicht mehr realisieren können. Der Aufstieg ist schön, mit feiner Blockkletterei. Nach etwa der Hälfte stoßen wir schließlich auf die morgige Abfahrtsroute. Diese verspricht spannend zu werden!
Etwas komisch werden wir angeschaut, als wir deutlich über 3.000 m mit den Bikes auf den Schultern die Hütte erreichen. Noch komischer werden wir angeschaut, als wir mit den Bikes kurz vor Sonnenuntergang weiter zum Gipfel laufen.

Der Gipfel liegt am Rand eines großen Gletschergebietes. Der Blick ist faszinierend: hinter uns die großen, vergletscherten Gipfel, vor uns über 2.200 hm Tiefblick! Und all das in schönstes Abendlicht getaucht. Wir schießen noch ein paar Fotos und versuchen, die echt krassen Stellen zur Hütte runter zu knacken. Leider sind ein paar unfahrbar, weil hier doch noch Schneereste liegen. Pünktlich zum Abendessen kommen wir an und erhalten zufällig Gesellschaft von einem geselligen DAVler der Sektion Halle, welche die Hütte ursprünglich gebaut hatte. Der Wanderer fängt an zu erzählen … und hört einfach nicht mehr auf. Tobi und ich schalten schnell ab und entziehen uns dem Monolog, doch Dave ist wie gebannt und kann den einschläfernden Worten nicht mehr entfliehen. Den Kopf erst mit einem, später mit beiden Armen abgestützt, lässt er die Geschichten auf sich nieder hageln.
Dann plötzlich, um viertel vor 10 der Satz: “So, jetzt hab ich aber genug erzählt, ich hör jetzt mal auf”. Sekunden später: “Eine Geschichte hab ich noch”. Um viertel nach 10 gehen wir schließlich ins Bett. Im Lager herrscht dann tatsächlich Ruhe. Das Positive an der Sache: wer aufgepasst hatte, erfuhr in den dreieinhalbstündigen Monolog mehr über die Geschichte der DDR und den damaligen Alpinismus, als in neun Jahren Schulunterricht.

Die morgendliche Abfahrt vom Gipfel

Die morgendliche Abfahrt vom Gipfel

Am nächsten morgen zum Sonnenaufgang wuchten wir ganz und gar nicht zufällig unsere Bikes wieder auf den Gipfel. Fast 2.000 m unter uns herrscht Inversion. Als die Sonne am Horizont auftaucht, beginnt das Wolkenmeer nach und nach zu leuchten. Wir starten die ersten Trailmeter vom Gipfelkreuz weg, umgeben von Gletschern in absolut unwirklichem Gelände für Mountainbikes. Das sind sie, diese Momente, in denen wir wieder merken, den genialsten Sport der Welt auszuüben!

Der Trail fordert uns auf jedem Meter, es geht über große Blöcke, steile Stufen und enge Spitzkehren. Schwerstarbeit, die richtig Laune macht! Besonders spannend sind ein paar Holzstufen, die auf einer fast frei aus dem Hang ragenden schrägen Felsplatte verschraubt sind.

Gegen Mittag kommen wir schließlich im Tal an und müssen feststellen, dass sämtliche Läden – wie in Italien üblich – bis mindestens 16 Uhr geschlossen haben. Nahrungsaufnahme ist jedoch dringend erforderlich. Nach etwas Sucherei finden wir glücklicherweise ein offenes Café.

Frisch gestärkt machen wir uns am frühen Abend auf den Weg zur nächsten Hütte. Wir sind die einzigen Gäste, denn auch diese Hütte wird in den nächsten Tagen winterfest gemacht. Scheinbar müssen die letzten Speisevorräte noch aufgebraucht werden, denn das Abendessen kann sich sehen lassen und ist sehr gut!

Unser Projekt für den nächsten Tag ist sehr ehrgeizig, es soll unsere höchste Tour des Jahres werden. Hinzu kommt, dass wir über den Trail kaum Informationen gefunden hatten. Im Aufstieg sind wir zunächst überrascht, weil viel mehr fahrbar scheint, als wir dachten. Mit zunehmender Höhe und etwas nördlicherem Wegverlauf macht uns aber der Schnee immer öfter einen Strich durch die Rechnung. Wir beschließen, die Bikes zurück zu lassen und steigen zu Fuß weiter. Unter dem Schnee ist der Trail zu erahnen, zwischendurch zeigt er sich immer wieder. Ohne Schnee wäre hier wohl viel fahrbar!

Der Blick vom Gipfel ist überwältigend! Die Sonne wärmt, es ist windstill, außer uns ist niemand da. So können wir die Rast ausgiebig genießen und schon mal Pläne schmieden, in der kommenden Saison einen weiteren, früheren Anlauf zu starten, um hoffentlich bessere Bedingungen für die Gipfelabfahrt vorzufinden.

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Der Teil, den wir heute abfahren können, stellt sich doch als extrem anspruchsvoll heraus. Einige Stellen sind extrem schwer, der Grat ist oft sehr ausgesetzt, so dass wir letztendlich doch weniger fahren können, als erwartet. Als ich nach einer Pause wieder an einer harmlosen S1-Stelle losfahre, bleibe ich direkt an einem Stein hängen und kippe über den Lenker. Meine Hüfte knallt mit voller Wucht auf einen spitzen Fels. Das tut weh! Vor Schmerzen kann ich kaum auftreten, mir wird schlecht. Die Knochen scheinen aber heil zu sein. Schnee wird zur schnellen Kühlung eingesetzt. Ich denke kurz ernsthaft über einen Heliflug nach. Mit der Zeit lässt sich aber alles kontrollieren und wir setzen die Abfahrt fort. Ich will nur noch runter vom Berg!

Je tiefer wir kommen, desto einfacher wird der Trail, bis er unterhalb der Hütte schließlich zum reinsten Flowtrail wird. Dave und Tobi lassen es schön laufen. Ich rolle langsam hinterher und wünsche mir einen technischeren Trail, denn im Technischen sind die Muskeln angespannt, auf dem flowigen Trail hingegen ist alles locker und jede kleine Unebenheit lässt mich zusammen zucken. Schließlich erreichen wir das Auto. Leider heißt es jetzt:  Heimreise antreten und auskurieren.

Aber wir kommen wieder, und das sicher nicht zufällig!

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3 Gedanken zu “Wie es der Zufall so will

  1. Gut, dass wir noch im letzten Moment das Steuer rum rissen und doch nicht ins Tessin fuhren.
    Ich erinnere mich auch noch gut an die Spannung auf der Hinfahrt, als wir am Gaviapass merkten, dass es mit viel Glück mit dem Schnee vielleicht klappen könnte.

    Zufall hin oder her! Das waren – zusammen mit der Gletschertour in Chamonix – auf jeden Fall meine erlebnisreichsten Touren 2012! :-D
    Vor allem die Zweite hatte alles was eine richtige Hochtour ausmacht, sogar mit Gletscherabfahrt. Auch wenn mir Fels lieber ist. ;-)

  2. ja, ich glaub wir haben alles richtig gemacht. 3Tage, ein Hammer-Erlebnis!
    Ich nehm für mich den ersten Gipfel als Highlight. Vor 2 Jahren bei Flo am Küchentisch “entdeckt” und dann bei den Bedingungen realisiert. War grosses Kino da oben, abends und morgens – und mit den Hund hatte ich noch einen Freund, schad das der es auf kein Bild geschafft hat.

  3. Macht immer wieder Spass, eure Fotoberichte durchzulesen… jetzt wart ihr also auch schon auf dem schönen Gipfel, da hab ichs leider noch nicht hingeschafft. Ist bisserl schwer zu erreichen für eine Wochenendtour ;)

    Wünsch euch eine gute Saison 2013!

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