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Interview zur Singletrail-Skala

Der Stuttgarter Touranbieter Uli Bütterlin (s. FlowRide.de) befragte mich unlängst zur Singletrail-Skala (STS). Hier das Interview für alle diejenigen die etwas mehr über die Entstehung und die Hintergründe erfahren möchten. Nachzulesen auch auf Ulis Website.

Interview

Als ich im vergangenen Herbst die unverhoffte Ehre hatte, mit dem auch als “Trailhunter” bekannten David Werner auf Tour zu gehen, kam mir spontan der Gedanke ihn um ein Interview zu bitten. Nachfolgend finden sich nun die Antworten, die mir Dave – seines Zeichens Mitverfasser der sich zunehmend verbreitenden Singletrail-Skala – auf meine Fragen gegeben hat.

 

FLOWRIDE: Dave, was war eure ursprüngliche Intention, als ihr euch vor bald sechs Jahren an die Erstellung einer Skala zur Schwierigkeitseinteilung von Singletrails gemacht habt? Wen wolltet ihr ansprechen?

Dave: Die STS soll all den Bikern zugute kommen, die sich über unbekannte Trails und Touren austauschen. Das kann über den persönlichen Kontakt oder durch das Lesen und Schreiben von Tour-Guides im Internet oder in Printmedien geschehen.
Die fahrtechnischen Anforderungen spielen dabei immer eine sehr wichtige Rolle und geben Aufschluss darüber, ob der Weg dem persönlichen Geschmack entspricht oder nicht.

Erkundigt man sich bei einem Bike-Kumpel, so weiß man erfahrungsgemäß was er mit einem “schweren” oder “lockeren” Trail meint. So eine eine kurze, prägnante Charakterisierung reicht hier oftmals aus.
Stammt diese Aussage jedoch von einem unbekannten Fahrer, so fragt man lieber nach mehr Details. Man weiß ja nicht wonach sich seine Bewertung richtet!
Meint er zu wissen, wie die breite Masse fährt und richtet sich danach? Oder ist sein eigenes Fahrkönnen der Maßstab? Wie fährt er in diesem Fall? Ist er ein Anfänger, ein Fortgeschrittener oder vielleicht sogar ein Downhill-Ass?
Die STS bietet hier einfach ein nützliches Werkzeug, um einen Weg nach objektiven Kriterien bewerten zu können.

Unsere Vision war es anfangs, dass die STS in den Magazinen und später auch in den vielen Tourenführern Gebrauch findet und man die Touren durch dieses einheitliche System bezüglich der fahrtechnischen Herausforderungen besser untereinander vergleichen kann. Man sollte so nicht erst ein, zwei Touren nachfahren müssen, um sich das jeweilige System des Autors in der Praxis zu verstehen.


FLOWRIDE: In der Zwischenzeit gab es immer wieder die Kritik an eurer Skala, dass diese im oberen Bereich viel zu fein untergliedert und darum für die breite Masse an Mountainbikern kaum hilfreich sei. Was hältst Du dem entgegen?

Dave: Wir hatten drei wichtige Anforderungen an die STS gestellt: Sie sollte klar unterscheidbare und nachvollziehbare Grade aufweisen, sich dabei auf so wenig Abstufungen wie nötig beschränken und das tatsächlich in der Praxis bewältigte Schwierigkeitsspektrum möglichst umfassend abbilden. Diese letzte Anforderung sollte gewährleisten, dass die STS allen Bikern nützt – nicht nur der breiten Masse.
Man kann die höchsten Grade ja ignorieren, wenn sie einen nicht interessieren. Einen durchschnittlichen Kletterer stört es wohl auch nicht, dass es noch viele Grade über seinem eigenen Level gibt. Das weckt doch normalerweise eher den persönlichen Ehrgeiz und zeigt auf wie weit man sich noch entwickeln kann!

Würden wir S3 bis S5 zusammenfassen, wäre die STS für fortgeschrittene Fahrer ziemlich nutzlos und die breite Masse hätte durch den Wegfall dieser Grade auch keinen Mehrgewinn.
Ganz im Gegenteil! Denn dieser breiten Masse entwachsen schließlich die fahrtechnisch ambitionierten Fahrer, deren Anzahl beständig zunimmt. Schließlich wird dies auch durch die beständige Weiterentwicklung von Bikes und Komponenten begünstigt. So fährt auch der Durchschnittsfahrer auf immer schwierigeren Wegen. Man vergleiche nur einmal den heutigen Fahrstil mit dem aus der Starrbike-Zeit!

Wir haben jedoch auf diese Kritik reagiert und noch eine Abstraktionsebene über die S-Grade gelegt – die Schwierigkeitsklassen. Mit ihnen wollen wir Verständnis und Akzeptanz beim Durchschnittsfahrer erhöhen. Der Schwierigkeitsklasse “Leicht” entsprechen S0 und S1, “Mittel” S2 und “Schwer” umfasst die restlichen S-Grade S3 bis S5. Diese Dreiteilung ist bereits recht gebräuchlich und die meisten dieser Einteilungen entsprechen tatsächlich auch diesen Schwierigkeitsklassen.


FLOWRIDE: Ein weiteres Hindernis für die schnelle Verbreitung der Singletrail-Skala könnte die anfangs recht geringe Anzahl von Beispieltrails auf euerer Internetseite gewesen sein. Inzwischen habt ihr diesbezüglich zwar einiges ergänzt und es sind auch sehr anschauliche Bildergalerien zur Beschreibung der einzelnen Schwierigkeitsgrade hinzugekommen, von einer breiten beziehungsweise flächendeckenden Auswahl an Beispielen kann jedoch nach wie vor nicht die Rede sein. Gelobt ihr hier Besserung?

Dave: Ja, das ist ein berechtigter Kritikpunkt! Carsten hat sich zwar mit seiner Passdatenbank bereits sehr viel Arbeit gemacht und eine Referenz für Alpencrosser geschaffen. Aber für den deutschen Raum fehlen flächendeckende Beispiele.

Da wir nur unser eigenes Revier kennen, sehe ich dafür auch nur eine Lösung. Wir wären auf die Mithilfe und die korrekte Schwierigkeitsbewertung anderer Biker angewiesen und müssten diesen eine Online-Plattform mit Trail-Datenbank bieten.
Dabei sollte es möglich sein über den jeweiligen S-Grad eines Trails zu diskutieren, wenn man anderer Meinung ist und den S-Grad nachträglich auch zu korrigieren. So würde sich mit der Zeit eine recht zuverlässige Bewertung herauskristallisieren.
Ein Knackpunkt den ich dabei sehe ist jedoch, dass man darauf vertrauen müsste, dass alle Benutzer so verantwortungsbewußt sind keine sensiblen Trails in aller Öffentlichkeit vorzustellen. Und wer definiert was sensibel ist oder nicht?

Uns ist die Konzeption und Umsetzung solch einer Plattform und deren Betreuung jedoch zu zeitaufwendig. Falls es allerdings jemanden geben sollte, der Lust auf so ein Projekt hat, so kann er sich sehr gerne bei uns melden. ;)


FLOWRIDE: Wie habt ihr euch seit der Veröffentlichung der Singletrail-Skala von den einschlägigen Medien der Bikebranche unterstützt gefühlt? Fehlt es nicht hier auch an Überzeugung, dass eure Skala die Bedürfnisse aller Mountainbiker ausreichend abdecken kann?

Dave: Die Idee kam anfangs eigentlich gut an und es gab auch kurze News-Beiträge, für die wir dankbar waren. Letztlich war das Feedback aber, dass die meisten Leser bis max. S2 fahren würden und sich die Einführung der STS deshalb nicht lohne.
Trotzdem würde ich einen Nutzen für die Leser sehen, wenn die von den Magazinen verwendeten Systeme die STS zumindest referenzieren würden.

Ich kaufe eigentlich keine Bike-Magazine, habe aber noch eine alte BIKE von 2007 gefunden. In dieser Ausgabe wird ein Fünf-Sterne-System verwendet. Es könnte aber auch das System irgendeines anderen Magazins oder Tourenführers sein. Das Problem ist, nirgends wird definiert, was sich inhaltlich hinter den verwendeten Systemen verbirgt! Man kann nur Touren untereinander vergleichen und ableiten, dass die eine Tour schwieriger ist als die andere.
Worin unterscheiden sich aber die Anforderungen einer Ein-Stern-Tour von der einer Zwei-Sterne-Tour? Und welche Fähigkeiten benötige ich überhaupt für eine Fünf-Sterne-Tour?
Wenn die Systeme nicht definiert sind, unterscheiden sich die Bewertungen eventuell sogar noch von Autor zu Autor! Bei der recht feinen Fünf-Sterne-Unterteilung fällt dies vielleicht nicht immer so stark auf. Es macht sich aber beim dreistufigen System der beliebten Swiss Singletrail Maps schon eher mal bemerkbar, wenn der eine Autor einen Trail als “schwer” bezeichnet ein vergleichbarer Trail aber von einem anderen Autor als “mittel” charakterisiert wird.

Um es den Autoren zu vereinfachen ihre Touren zu bewerten und das System den Lesern transparent zu machen, könnte man statt dessen auf die STS verweisen. Die fünf Sterne definiert man dann beispielsweise so, dass sie den S-Graden S0 bis S3 entsprechen. Und für die Swiss Singletrail Maps würden sich vielleicht die Schwierigkeitsklassen anbieten.
Es müsste ansonsten nur noch festgelegt werden in welcher Weise sich die Bewertung auf die Tour als Ganzes bezieht. Gibt sie die Höchstschwierigkeit wieder? Den durchschnittlichen Anspruch? Den Fahrtechnik-Level den man mindestens benötigt um Spaß zu haben, selbst wenn man nicht alles fahren kann?


FLOWRIDE: Für wie wertvoll erachtest du die permanente Verwendung eurer Skala vor einer breiten Öffentlichkeit durch einen Vollblut-Mountainbiker wie Stefan “Stuntzi” Stuntz alias Alpenzorro? Wird die Singletrail-Skala eines Tages im Wesentlichen Leuten wie ihm ihren Bekanntheitsgrad zu verdanken haben?

Dave: Ja, Stuntzi trägt mit seinen abenteuerlichen Reisen bestimmt zur Bekanntheit bei, auch wenn die STS im IBC-Forum bereits vielen Mitgliedern ein Begriff ist. Stuntzis Sponsor Canyon hatte die STS auf der Eurobike übrigens auch noch mal in die Öffentlichkeit gebracht, als die Firma das Konzept-Bike S5 vorstellte! Als Bikebergsteiger freut es mich natürlich, wenn sich ein Hersteller mit dieser Art des Bikens beschäftigt. :)

Ansonsten glaube ich jedoch, dass sich die STS primär durch die virale Verwendung im WWW weiterverbreiten wird. Wenn ich mit Google nach “singletrail skala” suche, erhalte ich bereits über 4.600 Treffer. Bei der Tourrecherche im Internet wird man also früher oder später auf die Skala treffen. Mittlerweile hat die STS z. B. auch bei GPS-Tracks.com und dem Open Street Map Project Einzug gehalten.
Sehr wichtig finde ich aber vor allem die Integration der STS im Guide-Lehrplan der DIMB und des DAV. Das ist zum einen eine Auszeichnung. Und zum anderen vermitteln die Guides das Wissen wiederum an Vereinskollegen und Bike-Kunden, die womöglich viel weniger im Web unterwegs sind.


FLOWRIDE: Auch in den vergangenen fünf Jahren hat sich im Mountainbikesektor einiges getan, und die Verwendung immer ausgetüftelter Mechanismen und voluminöserer Federwege erlaubt mehr und mehr Bikern ein Verschieben der eigenen fahrtechnischen Grenzen. Ist die Singletrail-Skala in ihrem jetzigen Zustand noch zeitgemäß, oder muss bald ein hinter vorgehaltener Hand schon länger diskutierter sechster Schwierigkeitsgrad hinzukommen?

Dave: Schon zu der Zeit als wir uns über die STS Gedanken machten, diskutierten die Vertrider über einen sechsten und siebten Grad. Doch seither habe ich nichts mehr von solchen Befahrungen gehört. Deshalb ist es momentan auch kein Thema für uns. Auch wenn es immer mehr Biker werden, die sich im S4-Bereich tummeln.


FLOWRIDE: Du selbst beschäftigst dich seit geraumer Zeit mit einer neuen Form des Mountainbikens: dem Bikebergsteigen. Inzwischen sind bereits die ersten Viertausender der Alpen unter die Stollen genommen worden, und zieht es immer mehr Biker hinaus und hinauf in solch extreme Höhen. Kann die Singletrail-Skala da noch mithalten?

Dave: Die reine Höhe hat nicht zwangsläufig etwas mit der Schwierigkeit zu tun. Über ein griffiges Firnfeld läßt es sich schließlich einfacher fahren, als durch manche Felspassage tief unten im Tal. Insofern gibt es keine neuen Anforderungen an die STS.

Ich glaube übrigens auch nicht, dass es einen Trend zu Viertausenderbefahrungen geben wird. Dafür haben wir hier in den Alpen einfach zu wenig Gipfel die mit dem Bike sinnvoll machbar wären. Also, sinnvoll in dem Sinne möglichst alles vom Gipfel weg abfahren zu können.
Aber es stimmt schon, Dreitausender üben einen gewissen Reiz auf Bikebergsteiger aus. Obwohl das Bergerlebnis nicht unbedingt mit der Höhe korreliert. ;)


FLOWRIDE: Mit Carsten Schymik und Harald Philipp hattest du zwei äußerst aktive, extravertierte aber auch unterschiedliche Biker als Mitautoren bei der Erstellung der Singletrail-Skala an deiner Seite. Wer hatte bei deren Ausformung welche Anteile und inwieweit ist jeder von euch der Sache bis heute treu geblieben?

Dave: Oh, die Anfänge liegen schon so weit zurück! Carsten hatte sich auf jeden Fall im Vorfeld schon viele Gedanken mit seiner 10-stufigen IBC-Skala gemacht. Dann kam Harald hinzu, der mit Willi Hofers Skala in der Praxis sehr gute Erfahrungen gesammelt hatte.
Als ich hinzukam waren die beiden bereits untereinander am Diskutieren, wie man beides unter einen Hut kriegen könnte. Ich glaube die konkrete Ausformulierung haben Harald und ich vorgenommen. Carsten hatte dafür seine Passdatenbank um die S-Grade erweitert und sich später auch um die Übersetzungen gekümmert. Die Website und das ganze Drumherum ist mein Ressort.
Leider ist Harald bald nach der Veröffentlichung und einer besonders zähen Diskussion im IBC-Forum aus dem Projekt ausgestiegen. Seither habe ausschließlich ich mich in Abstimmung mit Carsten um die STS gekümmert.

Abschließend möchte ich den Stellenwert der STS noch mal ins rechte Licht setzen, da einige Kritiker meinen wir hätten beim Biken nur noch S-Grade vor Augen. Tatsächlich ist es nur ein Teilaspekt der neben dem konditionellen Anforderungen, dem Naturerlebnis und allen möglichen anderen individuellen und individuell unterschiedlich gewichteten Faktoren über den Spaßgehalt einer Tour entscheidet. Unser Anliegen dabei ist nur, dass man sich auf Grundlage eines gemeinsamen Verständnisses fundierter zum fahrtechnischen Anspruch austauschen kann.
In der Praxis nimmt die STS bei mir persönlich auch keinen großen Raum ein. Meine Prioritäten haben sich mit der Zeit ohnehin etwas verschoben und im Biker-Neuland orientiere ich mich primär an der SAC-Wanderskala. Aber ich weiß einfach woran ich bin, wenn ich z. B. KäptnFR nach dem Charakter einer bestimmten Abfahrt im Karwendel befrage. Und das ist doch einiges wert!


FLOWRIDE: Dave, vielen Dank für deine Antworten, weiterhin viel Erfolg mit der Singletrail-Skala und alles Gute für deine nächsten Bergabenteuer mit dem Bike!

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