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Projekt Viertausend

Die unverhoffte Bishorn-Besteigung
20. bis 26. Juli 2009

Schon im Herbst letzten Jahres hatten wir uns für 2009 einen besonderen Saisonhöhepunkt vorgenommen. Felix, Hannes und ich wollten die Viertausend-Meter-Marke knacken!
Und damit das Unterfangen wirklich Sinn macht, sollte bergab auch möglichst alles fahrbar sein. Das Ziel war daher das Bishorn im Oberwallis, einer der einfachsten Alpen-Viertausender mit 4.153 m Höhe.

Am Matterhorn

Es ist ca. 4:30 Uhr am Montag Morgen den 20. Juli, als mich Felix und Hannes abholen. Nach einigem Hin und Her und dem Verstreichen unseres ersten Zeitfensters, fahren wir also doch noch ins Wallis!
Geplant waren ursprünglich drei sehr attraktive Gipfel (k. A. nach dem Vertrider Ehrenkodex) mit dem Bishorn als Krönung. Alleine fürs Bishorn brauchen wir dabei mit Akklimatisierungstour, Aufstieg und Abfahrt drei Tage. Doch da das Wetter zu unbeständig ist, rechnen wir für diese Woche eigentlich nicht mehr mit dieser Gipfelbesteigung und haben das Unterfangen auf Anfang August verschoben.
Außerdem habe ich noch Probleme mit meiner linken Hand, die ich mir eine Woche zuvor leicht verstaucht hatte.
Nach dem verregneten und verschneiten Wochenende soll der Himmel aber zumindest bis Mittwoch Abend dicht halten. Dann könnte es ja wenigstens für die anderen zwei Gipfel-Highlights reichen!
Die Steigeisen fürs Bishorn sind auf jeden Fall nur pro forma dabei.

Also, auf ins Mattertal wo wir ein paar Stunden später Bernhard (IBC: spectres) in Täsch aufsammeln und zu einer Tour aufbrechen, die ich 2006 bereits mit Flo und Laurent gefahren bin.
Und dank der Bergbahn erkaufen wir uns bereits mittags für 8 CHF mit einem kleinen Stück Kuchen einen Platz auf der Terrasse unterhalb des Matterhorns, schnaufen die klare Bergluft auf über 3.000 m Höhe, genießen das Viertausender-Panorama und freuen uns auf die bevorstehende Abfahrt. Angespornt durch die ungläubigen Wanderer und Ausrufe wie “I love you for what you do!”, vernichten wir die felsigen Höhenmeter.

Nach der Abfahrt und einer gemütlichen Brotzeit ist erstmal wieder Schieben und Tragen angesagt.
Dafür können wir anschließend auf dem leichten Höhenweg zu unserer Unterkunft die einmalige alpine Landschaft in Ruhe aufnehmen, Fotos knipsen, ‘nen Platten flicken und sich über ein defektes Autoventil ärgern. LoL
Trotzdem sind wir etwas im Stress, denn Punkt 19 Uhr gibt’s Abendessen auf unserer Hütte. Ansonsten hätten wir uns noch mehr Zeit gelassen und auf das Abendlicht gewartet.
Zum Glück kommen wir trotz der Pannen dennoch kurz vor dem Abendessen an der Hütte an und freuen uns nach dieser erfolgreichen Einroll-Tour schon auf die nächsten zwei Tage wo es noch höher hinaus soll.

Was lange währt …

Um 6.30 Uhr geht’s wieder raus aus den Federn! Zuerst mal ‘nen prüfenden Blick zum Himmel werfen. Hmm, warum ist’s denn so bewölkt? Es soll doch sonnig werden?! Na, vielleicht wird’s ja noch …
Das verstauchte Handgelenk hat sich dafür nicht verschlimmert. Ich war ja darauf vorbereitet nach zwei, drei Tagen abbrechen und wandern zu müssen. Das stimmt mich wieder positiv.
Jetzt aber erstmal frühstücken (top Müsli mit frischem Obst!), sich von den freundlichen Wirtsleuten verabschieden und dann kann es auch schon zur angeblichen Erstbefahrung losgehen.
(Was der Wirt wohl gedacht hatte, als nur paar Tage später Harald Philipp kam und anschließend IBC Lemming? *bg*)

Jetzt sollte es also endlich klappen! Dieser Gipfel stand schon seit drei Jahren ganz oben auf meiner Liste. Doch jedes Mal ist irgendwas dazwischengekommen!
Von der Hütte aus sind es nur noch ca. 1.100 Hm und wir können relativ viel schieben und sogar ein wenig fahren.
Die Bewölkung nimmt aber immer mehr zu, das Matterhorn wird schließlich ganz verschluckt und jetzt fängt’s auch noch zu regnen an! Der flotte Wanderer der uns vor einer halben Stunde bereits überholt hatte kommt uns auf einmal wieder entgegen. Er sei bereits bei der Gletschertraverse gewesen und da würde es schneien. Och neee! Bei der Suppe auf dem Gipfel zu stehen bringt’s ja nun auch nicht wirklich. Sollte es schon wieder nichts werden?
Alleine Felix lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und geht einfach so weiter, während wir die Regenklamotten bei jedem Schauer wieder aus- und einpacken. Und tatsächlich – im Süden tauchen auf einmal wieder blaue Wolkenlücken auf, das Wetter beruhigt sich … und auch der Wanderer überholt uns erneut.
Es gibt allerdings auch eine schlechte Nachricht! Bernhard hat arge Knieschmerzen und wird den Trip nach der Abfahrt abbrechen müssen – die Nachwirkung des Sturzes, als vor einigen Monaten sein Steppenwolf-Rahmen unter ihm nachgab. Vor dem größeren Schneefeld unterhalb des Gletschers lässt er schließlich das Bike liegen und geht ohne Zusatzgewicht weiter.

Den Gletscher haben wir dann auch bald überquert, während uns Bernhard vom Nachbargipfel aus zuschaut. Dabei biete sich uns ein toller Anblick! Wie ein Reißzahn ragt unser Ziel aus der weißen Ebene hervor. Darin eingraviert ein steiler, sich windender Singletrail.
Oben angekommen bewundern wir die sagenhafte Aussicht … und werden witzigerweise selber wiederum von den Wanderern bewundert. Diese sind ganz begeistert, als wir am steilen Fels zur Abfahrt übergehen und als wir zurückblicken winken sie uns nach. Wir winken zurück und freuen uns dabei als Bikebergsteiger akzeptiert zu werden.
Die 1.800 Hm lange Abfahrt bietet zwar keine größeren technischen Herausforderungen (es sei denn man möchte no-foot über Gletscher und Schneefelder *g*), dafür aber viel Flow und nimmt unten raus immer mehr Fahrt auf.

In Zermatt angekommen bin ich schon mal super glücklich. Das erste Tourhighlight ist nach den Anläufen der letzten Jahre endlich geglückt!
Als wir uns beim Bergsteigerbüro die neusten Wetterprognosen geben lassen, gibt’s jedoch erstmal ‘nen Dämpfer! Für morgen Mittag sind Gewitter vorhergesagt. Mit denen hatten wir eigentlich erst ab dem späten Nachmittag gerechnet. Und wir werden von Bernhard noch mal gewarnt. Gerade im Wallis können diese sehr schnell entstehen und recht heftig ausfallen!
Schade, aber mit der Vorhersage müssen wir unser zweites Tourhighlight für streichen und uns mit den ‘normalen’ Hochtouren zufrieden geben. Sonst wären wir jetzt in ein anderes Tal gefahren und zur nächsten Hütte hochgestiegen.
Und der Donnerstags sieht auch weiterhin übel aus und nachdem wir in einem Internet-Café die Lage sondiert haben, entschließen wir uns kurzerhand nach Locarno zu fahren. Das südliche Tessin scheint die Tage sehr viel besser wegzukommen.

In Täsch verabschieden wir uns also von Bernhard und machen uns auf den Weg ins Tessin. Bis wir ihm Rhonetal angekommen sind, haben wir den Plan jedoch schon wieder umgekrempelt. Das Wochenendwetter soll im Wallis ja wieder gut werden und dann könnten wir rein theoretisch vielleicht doch noch das Bishorn machen! Auch wenn wir vor der Fahrt schon gar nicht mehr recht dran dachten, so wollen wir uns die Option doch offen halten. Im südlichen Tessin kämen wir aber für die Akklimatisierung nicht so hoch wie wir wollten. Und in dem Punkt wollen wir lieber übervorsichtig sei.
Wie entschließen daher doch im Oberwallis zu bleiben und dafür Touren mit schnellen Rückzugsmöglichkeiten vor den Gewittern zu unternehmen. Da hatte ich ohnehin schon was im Sinn. Und vielleicht haben wir ja doch noch Glück mit dem Wetter!

Regen im Rhonetal

Am Mittwoch versuchen wir frühstmöglich auf den nächsten Dreitausender zu gelangen, da für den Mittag ja mit Regen und Gewittern zu rechnen sei. Deshalb gönnen wir uns auch Aufstiegshilfen in Form von Postbus und Bergbahn. Dummerweise hat es der Regen noch eiliger als wir und so bekommen wir bereits am Vormittag den ersten – glücklicherweise nur kurzen – Schauer ab. Dafür erleben wir heute morgen ein wirklich eindrucksvolles Naturschauspiel!
Auf der gesamten Länge des von uns übersehbaren Rhonetals drücken die Wolken auf breiter Front von Süden über die Bergkämme und fallen wie ein gigantischer Wasserfall in die Täler hinab. Wir beobachten fasziniert, wie einzelne Wolkenballen die steilen Flanken richtig “hinunterfließen”, …. während ich mich gleichzeitig darüber ärgere nur das Superweitwinkel dabei zu haben! Ich hatte mich nämlich mit Bernhard bei den Objektiven abgesprochen und so nur dieses mitgenommen.
Aber all zu lange können wir uns das Spektakel auch nicht anschauen, da die dunklen Wolken aus dem Westen auch nicht nachlassen und wir heute noch zwei Gipfel auf dem Plan haben.

Es ist nicht mehr weit und bald schon stehen wir auf dem ersten Tagesziel. Hier oben sehen wir nun auf einen tief unter uns fließenden Gletscher und bewundern den Höhenweg, der in die Steilflanke der gegenüberliegenden Seite richtig hineingeschlagen scheint.
Die Abfahrt ist anfangs noch recht heftig. Die ersten Meter schieben wir, doch dann geht’s immer besser voran. Nach dem Fels am Gipfel fahren wir erst über Geröll und schließlich immer erdigeren Untergrund, bis wir beim Almgelände ankommen, die Bremsen weiter öffnen können und mit Schuss durch die Wiesen zum nächsten Anstieg heizen.

Das Timing ist perfekt! Vor dem nächsten Wanderabschnitt wollen wir ohnehin noch einmal rasten und kurz nachdem wir eine kleine Brücke erreichen, fängt auch der nächste Regenschauer an. Also, ab unter die Brücke! Zwischen den Holzlatten tropft es zwar auch durch, aber wir sind trotzdem froh über den Unterstand.

Nach einer 3/4 Stunde scheint sich das Wetter wieder etwas beruhigt zu haben. Schnell brechen wir wieder auf und machen uns auf den Weg hinauf zu einem grün bewachsenen Bergkamm den wir entlangfahren wollen.
Nach einiger Zeit tröpfelt es wieder leicht, was mir bergauf jedoch als Erfrischung sogar willkommen ist. Hannes rast irgendwann wieder davon und ist 10 min vor uns oben … um sich schnell noch ein stilles Örtchen für eine private Sitzung zu suchen.
Dort ist es allerdings recht kalt und stürmisch! Ich kann kaum meine Regenjacke anziehen und bei einer Böe bleibt mir beinahe der Atem weg. Zum Glück wird es bald besser und der Pfad ist auch gut fahrbar.
Es dauert nicht lange und wir erreichen den höchsten Punkt, einem Grasgipfel auf unserem Kamm. Von nun ab geht’s 1.900 Hm nur noch bergab und nun hält auch der Himmel dicht.

Die Sonne setzt sich langsam wieder durch und wir freuen uns über die abwechslungsreichen Wege. Kurz vor der Baumgrenze durchfahren wir eine kleine Siedlung, wo wir sehr herzlich von den Einheimischen begrüßt werden, die uns schon aus der Ferne länger beobachtet hatten. Auch hier scheint es also keine Vorbehalte gegenüber Bikern zu geben! :-)
Anschließend tauchen wir in den Wald ein und rollen über Stock und Stein hinab zur Rhone.
Weiter unten schauen wir nur leider nicht in die Karte und vernichten die letzten Höhenmeter auf einen Karrenweg. Na, was soll’s. Wir haben ja auch so noch einen erstaunlich guten Tag gehabt, denn die Gewitter sind hier zumindest ausgeblieben!

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